News
 

Analyse: «Bild, BamS, Glotze» und der Fall Wulff

Der damalige Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Christian Wulff und «Bild»-Chefredakteur Kai Diekmann (l-r). Foto: Sören Stache/Archiv.Großansicht

Berlin (dpa) - Gerhard Schröder kann sich nicht genau erinnern, ob der Spruch, er brauche nur «Bild, BamS und Glotze» für erfolgreiches Regierungshandeln, so von ihm stammt. «Er würde jedenfalls zu mir passen», sagte der Alt-Kanzler vor einiger Zeit bei einem Empfang der «Bild»-Zeitung in Berlin.

Mit der Boulevardzeitung ist schon mancher Politiker groß rausgekommen. Doch das Blatt kann sich im Falle eines politischen Fehlers schnell wenden - wie nun zum Beispiel beim umstrittenen Hauskredit von Bundespräsident Christian Wulff.

Die Boulevardpresse handele oftmals nach dem Fahrstuhl-Prinzip, schreiben Leif Kramp und Stephan Weichert in einer Studie des Netzwerks Recherche zum Berliner Hauptstadtjournalismus. «Will die Politprominenz im Fahrstuhl mit nach ganz oben fahren, muss sie bei Liebesverweigerung auch schon mal damit rechnen, wieder runter gefahren zu werden», wird hier betont.

Kanzler Schröder und «Bild» hatten ohnehin nicht immer eine einfache Beziehung. So war auch die Fallhöhe für den SPD-Politiker nicht ganz so groß. 2004 warf die «Bild» Schröder eine Boykottpolitik vor, weil ihre Journalisten nicht in der Regierungsmaschine mit dem Kanzler in die Türkei und nach Washington mitreisen durften. Zudem gab Schröder dem Blatt keine Interviews mehr.

Die «Bild»-Zeitung habe mit einer «Mischung aus Häme, aus Hetze, aus Verächtlichmachung der Hauptakteure garniert mit Halbwahrheiten» über die Regierungspolitik berichtet, sagte damals Regierungssprecher Bela Anda. Schröder versuchte also einige Zeit, ohne «Bild» und «Bild am Sonntag» auszukommen - und wäre trotz Gegenwinds in vielen Medien 2005 fast wiedergewählt worden.

Dass die Zeitung mit einer Auflage von fast drei Millionen Exemplaren Einfluss hat, ist unbestritten, aber auch dieser ist nicht unbegrenzt. Bis zuletzt begleitete «Bild» Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) eng, der letztlich über seine Plagiatsaffäre stolperte. «Bild» verbreitete als erstes Medium im März 2011, dass Guttenberg zurücktritt, auch den Umzug in die USA hatte man dank Ehefrau Stephanie exklusiv.

Auch Wulff pflegte als niedersächsischer Ministerpräsident - und davor als Oppositionsführer - einen engen Kontakt zur «Bild». Dort war Wulff «Deutschlands beliebtester Politiker». Auch seine Scheidung und die neue Heirat wurden breit aufgegriffen. «Ja, in meinem Leben gibt es eine neue Frau», hieß es 2006 in der «Bild».

Christian und Bettina Wulff versorgten seitdem «Bild» und «Bunte» regelmäßig mit ein bisschen Klatsch und Infos aus dem Familienleben. Bis zum 12. Dezember 2011, als Wulff offenbar wutentbrannt auf die Mailbox von «Bild»-Chefredakteur Kai Diekmann sprach, um die geplante Veröffentlichung am nächsten Tag zu verhindern.

Die «Bild» selbst betont ihre Unabhängigkeit. Die Entschuldigung Wulffs für seinen Anruf habe keine Auswirkungen «auf die weiteren Recherchen in allen offenen Fragen, die sich u.a. im Zusammenhang mit dem Hauskredit stellten oder noch stellen könnten».

Es gehört zum Alltag des Berliner Politikbetriebs, dass Sprecher der Regierung und der Parteien Journalisten «Argumentationshilfen» liefern und sanften Druck ausüben. Die wichtigsten Informationen werden oft in Hintergrundgesprächen statt auf Pressekonferenzen vermittelt, auch um der Berichterstattung einen «Spin» (Dreh) im eigenen Sinne zu geben. Oft werden Exklusivinfos gezielt verteilt, um im Gegenzug in der Berichterstattung gut weg zu kommen.

Dass aber der Inhaber des höchsten Staatsamtes mehrfach selbst zum Hörer greift, um bei Chefredakteuren mit harschen Worten Veröffentlichungen über ihn zu unterbinden, ist ungewöhnlich. Wulff soll zudem schon vor Monaten einen Journalisten der «Welt am Sonntag» wenige Stunden vor Redaktionsschluss ins Schloss Bellevue zitiert haben, um einen Artikel über seine Familie zu stoppen.

Weil Wulff als niedersächsischer CDU-Ministerpräsident einen engen Kontakt mit den Springer-Medien gewohnt war, überrascht die jüngste Abkühlung. Schon in den Wochen vor der Wahl des Bundespräsidenten 2010 zeigte die Springer-Presse wie viele andere Medien Sympathien für den rot-grünen Gegenkandidaten Joachim Gauck.

Wulff wiederum äußerte sich zum ersten Jahrestag seiner Amtsübernahme in der «Zeit», aber nicht in «Bild» oder «Welt» - nur «Bild.de» bekam etwas ab. Wulffs Umgebung versuchte offensichtlich, Abstand zum Hause Springer zu gewinnen. Man werde sich nicht vor den Karren der «Bild» spannen lassen, soll die interne Linie gewesen sein. Dies lasse sich mit der Würde des höchsten Staatsamts nicht vereinbaren.

Bundespräsident / Medien
03.01.2012 · 22:44 Uhr
[2 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

News-Suche

 

News-Archiv

 
Diese Woche
Letzte Woche
Vorletzte Woche
Top News

Weitere Themen