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Analyse: Berlusconis einstiger Busenfreund Gaddafi

Der iItalienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi (r) begrüßt Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi bei einem Treffen in Sirte 2004 (Archivfoto).

Rom (dpa) - Italien hat eine dramatische Wende vollzogen: Aus den einstigen Busenfreunden Silvio Berlusconi und Muammar al-Gaddafi sind endgültig erbitterte Gegner geworden. Von Sizilien aus steigen italienische Tornados auf - die Luftabwehr des Diktators in Tripolis im Visier.

Italien hat sich eingereiht in die «Koalition der Willigen» gegen Gaddafi, stellt Militärbasen bereit und Flugzeuge für den Einsatz. Möglichst schnell vergessen will man in Rom jene Männerfreundschaft zwischen dem Regierungschef und dem Oberst aus der Wüste. Auf Eis gelegt ist das für beide so lukrative «Freundschaftsabkommen», eingefroren auch Gaddafis Geld in Italien.

Wann immer sich der Ex-Revolutionsführer nochmals mit Tiraden aus seinem Bunker in Tripolis meldet, beschimpft er die Italiener als «Verräter». Doch für den innenpolitisch stark angeschlagenen und von Prozessen umzingelten Berlusconi gab es letztlich keine andere Wahl. Auch wenn es manchem beim Koalitionspartner Lega Nord nicht gefällt.

Die Wunden aus der unrühmlichen italienischen Kolonialzeit schienen dank des Milliarden schweren Pakts zwischen Rom und Tripolis 2008 geheilt. Nun aber sucht die römische Diplomatie den Draht zu den Rebellen im nicht so weit entfernten Bengasi. Doch auch diese dürften sich noch lange an die peinlichen Bilder erinnern, als Berlusconi am Tiber oder bei Couscous und Hammelfleisch ihrem Diktator huldigte.

Wie gut der politische Schwenk ihm zupasskommt, machte der Terminkalender des 74-jährigen Medienzars und Milliardärs am Montag überdeutlich. Eigentlich wollte Berlusconi in einem seiner alles in allem vier Prozesse vor den Mailänder Richtern erscheinen, um sich zu dem Vorwurf zu äußern, er habe den britischen Anwalt David Mills mit 600 000 Dollar bestochen. Dann war er aber doch wieder verhindert: Sein Kabinett musste wegen der Libyen-Krise zusammentreten.

Was da am südlichen Saum des Mittelmeeres, praktisch also vor Italiens Haustür, eskaliert, das beunruhigt alle von Turin bis Palermo. Und es schiebt Berlusconis hausgemachte Probleme ein Stück weit in die Kulissen.

Applaus gab es vom angesehenen Mailänder «Corriere della Sera»: «Da haben wir das Richtige getan, das einzig Mögliche, indem wir uns der "Koalition der Willigen" unter dem UN-Mandat angeschlossen haben, um Gaddafis Aktionen gegen die Rebellen zu stoppen.» Italien sei im Krieg, auch wenn die Bürger das vielleicht noch nicht so ganz wahrgenommen hätten.

Man habe sich doch nicht heraushalten können. Und erst recht nicht mehr, nachdem US-Außenministerin Hillary Clinton Italien in dem Konflikt eine «Sonderrolle» zugeschrieben habe. Rom könne nun einmal mehr zeigen, dass es außenpolitisch doch mitzumischen verstehe und vor allem auch den USA gegenüber der verlässliche Partner bleibe. Schon die geografische Lage und auch die enge wirtschaftliche Verflechtung mit dem Ölriesen Libyen machten es Italien unmöglich, so wie Deutschland außen vor zu bleiben.

Aber die Wende ist damit auch besonders heikel und gefährlich. Die Mitte-Rechts-Regierungsparteien und die linke Opposition könnten jetzt zumindest einmal zeigen, wie man an einem Strang zieht, das fordert die veröffentlichte Meinung. Um auch mit dem Libyen nach diesem Krieg zusammenzuarbeiten. Zumal Berlusconi durchaus den Verdacht haben dürfte, dass Washington und Paris bereits gemeinsam über die Zeit nach Gaddafi nachdenken.

Nicht zuletzt ließen die spektakulären Bilder von der Ankunft tausender tunesischer Flüchtlinge auf Lampedusa die Italiener alltäglich erahnen, wie nahe auch die libysche Große Syrte liegt. Und Berlusconi könne nur davon profitieren, wenn das gespaltene Land etwas zusammenrückt. Zunächst müsse er jedoch seine Juniorpartner von der rechten Lega Nord auf Vordermann bringen, die sich kritisch und distanziert zu diesem «Libyen-Abenteuer» stellten.

Konflikte / Libyen / Italien
21.03.2011 · 16:28 Uhr
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