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Analyse: Belohnung für eine Vision

US-Präsident Barack Obama muss hart um seine Gesundheitsreform kämpfen.Großansicht
Washington (dpa) - Barack Obama war sichtlich überrascht: «Ich habe nicht das Gefühl, dass ich es verdiene», in der Reihe von großen Persönlichkeiten zu stehen, die den Friedensnobelpreis bekommen hätten, weil sie die Welt verändert hätten.

«Es ist nicht die Anerkennung meiner Errungenschaften», gestand Obama selbst ein. Ganz Amerika reagierte am Freitagmorgen mit ungläubigem Erstaunen auf die Nachricht, dass Obama nach gerade mal neun Monaten im Amt den renommiertesten Friedenspreis der Welt erhalten soll. Auch Obama weiß, dass seine weltweite Popularität, der neue Ton in Washington, seine neue «Politik der ausgestreckten Hand» bisher noch nicht viel bewegt hat.

Der Demokrat im Weißen Haus bekommt den Friedenspreis genau in einer Zeit, in der in Washington die Ratlosigkeit über den weiteren Kurs im Afghanistankrieg oder über eine Antwort auf die nukleare Aufrüstung in Nordkorea wächst. Obama wird allerdings aus Sicht von Experten «neuen außenpolitischen Spielraum» bekommen, «möglicherweise auch für eine Intensivierung des Afghanistankriegs», so Prof. Darrell West vom «Brookings»-Institut (Washington). Was immer Obama nun für einen Kurs im Krieg einschlage, «wird es nun sehr schwer sein, ihn als Kriegstreiber hinzustellen».

Der Nobelpreis ist die «Anerkennung für seine Versprechen», kommentierte CNN-Starreporterin Christiane Amanpour und traf damit den Ton fast aller ersten US-Reaktionen. «Eine Überraschung, aber ein großer Tag für Amerika» meinte der Publizist John Avlon. Der Parteivorsitzende der Republikaner Michael Steele kritisierte, dass «Obamas Star-Qualitäten» die Nobel-Jury mehr beeindruckt hätten als die Leistungen so vieler «unermüdlicher Streiter für Frieden und Menschenrechte in der Welt».

Obama reagierte zwar betont bescheiden und «demütig» auf die große Ehrung. Aber fast ein Jahr, nachdem er am Abend des 4. November 2008 mit Ehefrau Michelle und seinen beiden Töchtern in Chicago vor aufgewühlten 200 000 Menschen seinen historischen Wahlsieg feierte, darf er zumindest im Stillen triumphieren. Denn der Friedenspreis ist eine demonstrative Anerkennung für die Neuorientierung der US-Politik in der Welt.

Denn der erste schwarze Präsident der US-Geschichte übte vor der Weltöffentlichkeit Selbstkritik für die Politik seines Landes, schwor dem Unilateralismus, einer «arroganten Politik» und der Verletzung der Menschenrechte in amerikanischem Namen öffentlich ab. Er versprach bei einem spektakulären Auftritt in Kairo der islamischen Welt einen Neuanfang in den Beziehungen und er warb in Prag für seine Vision einer atomwaffenfreien Welt. Nach acht Jahren der Regierung von George W. Bush, in denen das Ansehen der USA weltweit schwer angeschlagen wurde, konnte Obama mit seinem Versprechen auf «Hoffnung» und «Wandel» weltweit beeindrucken.

Obama will «eine neue Ära des Friedens und des Wohlstands» für die Welt, will vor allem mit Diplomatie und Kompromissbereitschaft die Konflikte auf dem Globus lösen. Der US-Präsident verkündete zur Freude Moskaus und der meisten Westeuropäer den Verzicht auf das noch von Bush geplante Raketenabwehrsystem in Polen und Tschechien. Auch die amerikanisch-russischen Verhandlungen für einen Nachfolgevertrag des Abrüstungsabkommens START haben begonnen.

Allerdings wachsen in den USA auch Zweifel an der neuen Friedenspolitik Obamas: Skeptisch fragen konservative Politiker und Kommentatoren, was die USA für ihre Gesprächsbereitschaft und ihre Selbstkritik politisch bekommen. Ein Durchbruch in den Konflikten mit dem Iran und Nordkorea scheint nicht in Sicht, die europäischen Verbündeten engagieren sich in Afghanistan nicht so stark wie Obama das möchte. Pessimisten in Washington fürchten, dass der «Krieg Obamas» am Hindukusch, den er offensiv und mit massiven Truppenaufstockungen geführt hat, ein «zweites Vietnam» werden könnte - zumal in den vergangenen Monaten der Blutzoll ständig gestiegen ist. Auch Obamas Ankündigung, den Irakkrieg möglichst bald zu beenden, soll frühestens 2011 umgesetzt werden.

Menschenrechtsorganisationen in den USA sind zunehmend über den charismatischen Demokraten im Weißen Haus enttäuscht: Kritisiert werden vor allem die langsame Abwicklung des Gefangenenlagers Guantánamo, dass nun doch nicht wie versprochen im Januar 2010 geschlossen werden soll und die Weigerung Obamas, Menschenrechtsverletzungen der Bush-Zeit juristisch aufzuarbeiten.

US-Präsidenten, die den Friedensnobelpreis gewinnen, sind in den USA keineswegs unumstritten. Jimmy Carter, der für seine Nahostfriedensbemühungen den Preis zugesprochen bekam, musste nach bloß einer Amtszeit gehen. Auch er versprach eine Zeit des Friedens - und wusste weder dem russischen Einmarsch in Afghanistan noch der Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran politisch etwas wirkungsvolles entgegenzusetzen. Carter gilt den Amerikanern laut Umfragen als einer der am wenigsten erfolgreichsten Präsidenten der jüngeren Geschichte.

Nobelpreis / USA
09.10.2009 · 22:55 Uhr
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