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Analyse: Aufstände gefährden Erdogans Plan B

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan (r) und Baghdadi Mahmudi, Generalsekretär des Allgemeinen Volkskomitees, weihen in Tripolis ein mit türkischer Unterstützung gebautes Hotel ein. (Archivbild)Großansicht

Istanbul (dpa) - Die dramatische Flucht tausender türkischer Facharbeiter und Projektmanager aus dem Osten Libyens hält die Menschen in der Heimat in Atem.

«Von überall her kommen Schüsse. Wir haben Hunger und fürchten um unser Leben», sagte ein auf Rettung wartender türkischer Ingenieur aus einem Sportstadion in Bengasi telefonisch, bevor dann in der Nacht zum Mittwoch zwei türkische Fähren 3000 Menschen aus der Küstenstadt herausholten. Auf den geplünderten türkischen Großbaustellen der Region kokeln die Überreste von Maschinen und Material, berichten die Flüchtenden.

Die türkische Wirtschaft fürchtet Milliardenverluste durch die Unruhen in arabischen Staaten. Aber auch der «Plan B» des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayip Erdogan, dessen Regierung sich zuletzt in den schwierigen Verhandlungen über einen Beitritt zur EU zunehmend müde und lustlos zeigte, gerät ins Wanken.

Immer selbstbewusster hat die islamisch-konservative türkische Regierung in den vergangen Monaten auf ihre Chancen in den arabischen Ländern hingewiesen. Ein wirtschaftlicher Aufschwung im eigenen Land, der auch von Exporten Richtung Osten und großen Bauaufträgen der arabischen Nachbarn mitgetragen wird, hat das Selbstvertrauen zusätzlich gestärkt.

Im Januar hat Erdogan bei einem Besuch in den Golfstaaten sogar erklärt, die islamische Welt sei sich doch eigentlich selbst genug. Die islamischen Staaten könnten sich wirtschaftlich «selbstversorgend» organisieren, wie er es ausdrückte. Am Golf gebe es ausreichend Öl. «Wir haben viel Erfahrung im Bauwesen und können diese teilen. Die Türkei ist auch stark in der Technologie, im Gesundheitssektor und im Tourismus», lockte er und nannte auch Atomtechnik in seiner Aufzählung der Kooperationsmöglichkeiten mit den Bruderstaaten. Wenn Türken und Araber die Kraft zu einer Union fänden, könnten sie die ganze Welt gestalten.

Doch plötzlich fühlt sich die Türkei in einem Minenfeld. Erst musste Außenminister Ahmet Davotoglu die brenzlige und wenig aussichtsreiche Vermittlung im eskalierenden Streit im Libanon abbrechen. Es zeigte sich, dass die Türkei zwar mit allen reden kann, jedoch als Vermittler bisher weniger als erhofft bewegt hat.

Im Fall von Tunesien und Ägypten ging Erdogan allerdings früher und eindeutiger als europäische Regierungschefs auf Distanz zu den Regimes. Ankara unterstützte die Forderung der Demonstranten nach demokratischen Veränderungen. Sollte es in den arabischen Staaten Reformen und einen wirtschaftlichen Aufschwung geben, würde die Türkei wohl in ihrer Rolle als Regionalmacht gestärkt und auch wirtschaftlich profitieren. Unter einer langen Phase der Instabilität in der Region mit Gewalt und politischem Dauerstreit könnte dagegen auch die Türkei leiden.

In Libyen sind mehr als 200 türkische Unternehmen aktiv, die Projekte im Umfang von 15 Milliarden US-Dollar (rund 11 Milliarden Euro) betreuen. Viele Großbaustellen wurden geplündert oder teilweise in Brand gesetzt. Diese Baustellen allein haben Medienberichten zufolge einen Auftragswert von 3 Milliarden US-Dollar. Schon jetzt belaufen sich zudem die vom libyschen Regime nicht bezahlten Rechnungen auf etwa eine Milliarde US-Dollar.

Ankara hält sich mit Kritik an dem Regime in Tripolis zurück, auch aus Angst um die mehr als 20 000 dort lebenden und arbeitenden türkischen Fachkräfte. «Wir dürfen keine Fehler machen. Zur richtigen Zeit die richtige Erklärung», mahnte Davutoglu am Mittwoch. Es sei aber die größte Rettungsaktion in der Geschichte des Landes angelaufen.

Unruhen / Libyen / Türkei
23.02.2011 · 12:19 Uhr
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