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Analyse: Atomkraft in Frankreich

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Paris (dpa) - Sie haben ihr Leben riskiert, um einen Atomtransport aufzuhalten. Fünf Aktivisten ketteten sich in Nordfrankreich an die Gleise und brachten damit den Zug zum Stehen - zumindest zeitweise. Sie dürften dabei das warnende Beispiel von Sébastian Briart im Kopf gehabt haben.

Der 21-jährige Franzose war bei einer ähnlichen Aktion vor sechs Jahren von einem Castor-Transport überrollt worden und dabei ums Leben gekommen. Nach Aussagen der Staatsanwaltschaft war er allerdings nicht angekettet gewesen.

Voraussichtlich war dies nur die erste von zahlreichen Protestaktionen entlang der Strecke. Die Abfahrt vom französischen Bahnhof Valognes in der Nähe der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague war noch nach Plan verlaufen. Es waren lediglich einige Dutzend Demonstranten am Ort. Ein Plakat trug die Aufschrift: Atomkraft = Sackgasse. Der Zug verließ den Bahnhof mit einer mäßigen Geschwindigkeit von 40 bis 50 Stundenkilometern.

Während sich in Deutschland seit Wochen der Widerstand gegen den Castor-Transport formiert, war es in Frankreich auffallend ruhig geblieben. Dabei legt der Zug mit dem hoch radioaktiven Atommüll knapp die Hälfte der Strecke in Frankreich zurück. «Viele Franzosen sind im Grunde froh, dass der Atommüll verschwindet», meint Yannick Rousselet, Atomexperte der Umweltorganisation Greenpeace. «Es gibt einen gewissen Fatalismus», fügte er hinzu.

Streit gibt es weiterhin über die Frage, wie radioaktiv die Fracht nun eigentlich sei. Nach Greenpeace-Informationen handelt es sich um den Transport mit der bislang höchsten Radioaktivität. «Jeder einzelne dieser Castoren enthält so viel radioaktives Material, wie bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl freigesetzt wurde», sagt Thomas Breuer, Energieexperte der Organisation. Greenpeace hat nach eigenen Aussagen mit Hilfe von Wärmekameras festgestellt, dass die Behälter heißer seien als bei früheren Transporten. Dies sei ein Hinweis auf höhere Radioaktivität.

Der Atomkonzern Areva bestreitet dies und wirft den Umweltschützern vor, unverantwortlich mit der Angst der Menschen zu spielen. «Es besteht keine Gefahr für die Umwelt oder die Menschen, die den Transport organisieren», sagte Henri-Jacques Neau, der bei Areva für Transporte zuständig ist. Areva hat bislang allerdings auch keine eigenen Zahlen über die Radioaktivität herausgegeben. Das Unternehmen verteidigt sich auch gegen die Vorwürfe mangelnder Transparenz. «Die Regierung hat uns aus Sorge um die öffentliche Ordnung darum gebeten, den Fahrplan des Zuges nicht zu veröffentlichen», sagte Neau.

Die französische Bevölkerung hat sich ohnehin weitgehend mit der Atomkraft abgefunden. Die 58 Atomkraftwerke liefern 80 Prozent des Stroms, der in Frankreich verbraucht wird. Debatten über die Verlängerung von Laufzeiten oder die Einrichtung eines Endlagers werden nur in Expertenkreisen geführt.

Das mag auch daran liegen, dass Frankreich den Tschernobyl-Schock nur sehr gedämpft abbekam: Nach der Katastrophe von 1986 wurde im Wetterbericht des öffentlichen Fernsehens erklärt, dass die radioaktive Wolke nicht über Frankreich hinwegziehen werde. Erst gut 20 Jahre später gestanden die Behörden ein, dass Frankreich 1986 sehr wohl betroffen war und noch heute die Folgen messbar sind.

möglicher Fahrplan nach Greenpeace-Informationen

Atom / Transporte / Gorleben / Frankreich
06.11.2010 · 22:26 Uhr
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