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Analyse: Athener Regierung abgestraft, keine Lösung in Sicht

Die Griechen haben gewählt - und bestaunen ratlos das Ergebnis. Die etablierten Parteien sind am Boden. Die Wählerwut hat extreme und radikale Kräfte stark gemacht. Wie soll es jetzt weitergehen? Foto: Pantelis Saitas

Athen (dpa) - Das Wahlergebnis macht die Griechen ratlos. Einerseits haben sie die etablierten Parteien abgestraft, die sie für die weit verbreitete Armut verantwortlich machen.

Gleichzeitig beauftragten sie auch extreme und populistische Parteien damit, die neuen politische Landschaft mitzugestalten. Beim Blick auf das Ergebnis fragten sich viele Griechen jetzt. «Wie soll das eigentlich gehen?»

Zur Mitwirkung an der Regierung scheinen die neuen Polit-Stars, allen voran der Chef des Bündnisses der Radikalen Linken, Alexis Tsipras (39), nicht bereit zu sein. So droht das Land inmitten der dramatischen Finanzkrise jetzt auch noch in eine Regierungskrise zu stürzen.

Sogar schnelle Neuwahlen werden in Athen nicht ausgeschlossen. Das wäre aber Gift für die Wirtschaft, denn Investoren warten skeptisch ab. Und Athen läuft die Zeit davon. Schon Anfang Juni wollen die Geldgeber kontrollieren, was die Griechen mit den geliehenen Milliarden machen.

Die «Alleswisser da oben in den Regierungsgebäuden» hatten nach Ansicht des griechischen Ökonomen Nikos Wroussis etwas Wichtiges nicht begriffen: Seit drei Jahren drohen sie dem Bürger mit dem Staatsbankrott und fordern ihn auf, den Gürtel immer enger zu schnallen. «Du kannst aber einem, der ins Wasser gefallen ist, nicht damit drohen, ihn nass zu spritzen», sagt Wroussis.

Viele Griechen erleben nämlich ganz konkret ihre persönliche Insolvenz oder die Pleite ihrer Familie. «Mein Vater ist arbeitslos, die Mutter ist krank, mein Bruder ist ausgewandert und versichert sind wir nicht mehr, weil niemand arbeitet. Wovor soll ich denn noch Angst haben», fragt Tzela Ioannidou, eine 20-jährige Architekturstudentin aus Athen. Sie will nach Australien auswandern. «Sobald mein Bruder dort Fuß gefasst hat», sagt sie.

Am Sonntag hatte das Wahlvolk das Wort. Als Antwort auf die Zerstörung der Mittelklasse, höhere Steuern, Telefon- und Stromrechnungen und auf Lohnkürzungen ohne Aussicht auf eine Wende kehrten sie Konservativen und Sozialisten in Scharen den Rücken. «Knallhart und ohne Pardon», beschrieb Ilias Mitsis, ein Imbissinhaber im Athener Stadtteil Vyron, das Abstrafen der etablierten Parteien. Die besonders schlimm dastehenden Arbeiter in den Armenvierteln von Piräus und Westathen wanderten hauptsächlich nach links.

Nichts geht mehr wie früher. Konservative und Sozialisten, die eigentlichen Verantwortlichen der Vetternwirtschaft und Korruption, können weder alleine wie früher noch zusammen eine Regierung bilden. Dagegen vervierfachte das Bündnis der Radikalen Linken (Syriza) seine Stärke von 4,6 auf 16,8 Prozent. Damit beendete die Linkspartei des ehemaligen Schüleranführers Alexis Tsipras das bisherige Zwei-Parteien-System.

Die Sozialisten wurden mit 13,2 Prozent regelrecht gedemütigt. Die Konservativen bleiben als stärkste Kraft unter 19 Prozent. Schlimmer noch: Erstmals schaffen es die Faschisten ins Parlament. Analysten führen das auf die unkontrollierbare Migrationswelle und das damit verbundene Hochschnellen der Kriminalität zurück.

«Was nun?» Die Frage lässt auch die Analysten ratlos. Die Bürger haben zwar ihre Wut rausgelassen, aber keine klare Antwort gegeben, wie das Land denn regiert werden solle. 77 Prozent wollen den Verbleib im Euroland, aber viele haben linke Parteien gewählt, die nicht wollen, dass Griechenland seine Schulden tilgt. «Hoffentlich haben wir mit unseren Stimmen kein Monster auf die Welt gebracht», sagte ein Rentner im Athener Stadtteil Patissia.

Konservative und Sozialisten suchen jetzt Koalitionspartner bei den Rechtspopulisten der Partei Unabhängige Griechen, die in nationalistischen Gewässern fischt. Sie wollen es aber auch bei der gemäßigten Demokratischen Linken versuchen. Die Aussichten sind schlecht. «Der Alptraum der Regierungslosigkeit ist in Sicht», meint die Athener Zeitung «Ta Nea».

Korr-Ausland / Wahlen / Griechenland
08.05.2012 · 08:06 Uhr
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