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Analyse: Angst um Arcandor - Ringen um Notkredit

Sal. OppenheimGroßansicht
Essen/Frankfurt (dpa) - Düstere Aussichten für den Karstadt- Mutterkonzern Arcandor: Nach dem endgültigen Aus für die beantragte Staatsbürgschaft droht nun auch der Notkredit für den ums Überleben kämpfenden Touristik- und Handelskonzern zu kippen.

Mit einer endgültigen Absage für den 437-Millionen-Euro-Notkredit würde einer der letzten Hoffnungsschimmer für das Essener Unternehmen schwinden.

Nun konzentrieren sich die Rettungsbemühungen auf die Arcandor- Großaktionäre Sal. Oppenheim und Madeleine Schickedanz sowie auf Banken und Vermieter, von denen nach Angaben des Unternehmens ein erhöhter Beitrag zur Sanierung des angeschlagenen Konzerns verlangt wird. Man werde in einem weiteren Anlauf alle Möglichkeiten für eine weitere Aufstockung der Zusagen ausloten, hieß es am Abend aus der Arcandor-Zentrale. Die Großaktionäre signalisierten zunächst ihre Bereitschaft zu einer Kapitalerhöhung von 150 Millionen Euro.

«Eine Insolvenz wäre eine Katastrophe», sagt Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Während Beschäftigte und Unternehmensleitung seit Wochen um das Überleben des Konzerns kämpfen, geht nun auch bei den Arcandor-Aktionären die Angst vor einer drohenden Insolvenz um. Bei den Aktionärsschützern stehen die Telefone kaum noch still. «Viele Aktionäre wollten die tatsächliche Lage des Konzerns lange nicht wahrhaben», sagt Tüngler. Falls es zu einer Insolvenz kommen sollte, könnten die Aktionäre «keinen Cent» erwarten. Der Aktienkurs brach am Montag zeitweise um über 40 Prozent ein.

Vor allem für die die rund 32 000 Beschäftigten der Arcandor- Warenhaustochter Karstadt könnte sich die Lage bei einer Insolvenz weiter verschärfen. Statt einer Fortsetzung der Verhandlungen mit dem Konkurrenten Kaufhof über einen Zusammenschluss «auf Augenhöhe» könnte die Kaufhof-Mutter Metro sich dann einzelne «Rosinen» herauspicken, fürchten Beobachter. Unterm Strich wäre der Kahlschlag dann möglicherweise noch radikaler als derzeit befürchtet. Weniger dramatisch sieht die Lage dagegen derzeit bei den anderen Arcandor- Töchtern Primondo (Versand) und Thomas Cook (Touristik) aus.

Was mit Thomas Cook geschieht, liegt nicht zuletzt an den Gläubigerbanken, denen Arcandor seine Aktien bereits als Pfand gegeben hat. Bei einer Insolvenz bleibt die Ertragsperle als eigenständiges Unternehmen erst einmal außen vor. Finanziell und organisatorisch ist das an der Londoner Börse notierte Touristikunternehmen weitgehend unabhängig von der deutschen Mutter, die 52,8 Prozent der Anteile hält.

Bislang hat sich Arcandor immer erfolgreich gegen einen Verkauf seiner Reisetochter gewehrt, wohl auch weil die Beteiligung durch den Einbruch an den Börsen deutlich an Wert verloren hat. Sollte es aber nicht anders gehen, dann dürfte sich die Kölner Rewe-Gruppe (Dertour, ITS und Tjaereborg) freuen. Analyst Sebastian Hein vom Bankhaus Lampe kann sich aber auch gut vorstellen, dass die Banken ihre verpfändeten Cook-Anteile über die Börse verkaufen.

Die Otto-Gruppe in Hamburg hat Interesse an einzelnen Spezialversendern der Arcandor Versandtochter Primondo (Hess Natur, Baby Walz, Quelle) sowie den Sport-Filialen der Karstadt-Gruppe signalisiert. Problematisch dürfte es für den Universalversender Quelle werden.

Für Analyst Hein wäre eine Zerschlagung des Arcandor-Konzerns auch mit einem Notkredit unausweichlich gewesen. Der Kredit hätte Arcandor ein halbes Jahr Zeit gegeben, um Käufer für einzelne Unternehmensteile zu finden. Interessenten stehen bereits in den Startlöchern.

«Man hat die Probleme lange kommen sehen. Warum sollte der Staat einem Unternehmen eine bessere Verhandlungsposition verschaffen», fragt der Präsident des Essener Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Professor Christoph Schmidt. Der Experte, dessen Rat als Wirtschaftsweiser gefragt ist, ist ein entschiedener Gegner von staatlichen Unterstützungsmaßnahmen für das ums Überleben kämpfende Essener Unternehmen.

Rechtsanwalt und Insolvenzexperten Tobias Hoefer betont dagegen, dass eine Insolvenz keinen Grund zur Panik für die Arbeitnehmer und Geschäftspartner darstellt. Ein Insolvenzverwalter sorge dafür, dass der Betrieb erst einmal weiter läuft. Löhne und Gehälter der Mitarbeiter würden bis zu drei Monate von der Bundesagentur für Arbeit gezahlt. Unter Umständen könne eine Insolvenz die Sanierung sogar erleichtern. «Die Zahlungsunfähigkeit ist nicht unausweichlich das Ende, sondern kann auch ein neuer Anfang sein.»

Handel / Arcandor
08.06.2009 · 22:25 Uhr
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