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Analyse: Amerikas Öl-Tragödie hat viele Opfer

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Washington (dpa) - Der Untergang ereignete sich ausgerechnet am «Earth Day», dem Gedenktag gegen die Umweltzerstörung. Zwei Tage lang hatte im Golf von Mexiko eine Öl-Bohrinsel wie eine riesige Fackel gebrannt. Dann versank die Plattform «Deepwater Horizon» am 22. April in den Fluten.

Mit dem Untergang begann nach den Worten von US- Präsident Barack Obama die «schlimmste Umweltkatastrophe, der sich Amerika je stellen musste».

Selbst drei Monate danach ist unklar, was genau ganz am Start - an jenem 20. April - geschah. Wie es zu den verheerenden Explosionen auf der Plattform kommen konnte, auf der über 120 Männer gearbeitet hatten. Nach Zeugenaussagen drängte der Mieter der Anlage, der britische Öl-Konzern BP, sie die Bohrarbeiten hastig abzuschließen. Sie übersahen ein Leck im Bohrloch, Gas strömte aus und entzündete sich.

Schnell war deutlich: Hier nimmt eine schwere Ölpest ihren Lauf. Als die Plattform sank, riss in rund 1500 Meter Meerestiefe ein Steigrohr auf. Nach Schätzung der US-Regierung schossen seitdem jeden Tag bis zu 8200 Tonnen Rohöl aus der BP-Quelle ins Wasser. Genaue Zahlen sind nicht bekannt.

Doch bewahrheiten sich schlimmste Befürchtungen der US-Regierung, sind bereits rund 700 000 Tonnen der rostbraunen, schmierigen Masse in einer gewaltigen Fontäne aus dem Meeresboden geschossen. Manche Wissenschaftler sprechen sogar von einer Million. Nur etwa 100 000 Tonnen konnte BP abfangen und auf Schiffe leiten.

Wohl erst im August kann das Loch mit Entlastungsbohrungen endgültig gestopft werden. Sie gehen bis zum Ursprung der Quelle - 4000 Meter unter dem Meeresboden. Und unabhängig davon, wie alle weiteren Hilfsmaßnahmen bis dahin laufen: Die Ölpest dürfte als weltweit bislang schlimmste in die Geschichte eingehen. Beim bis dahin größten Bohrinsel-Unfall der «Ixtoc» 1979 vor Lateinamerika gelangte etwa eine halbe Million Tonnen - ebenfalls - in den Golf von Mexiko.

Zum Vergleich: Nach der Havarie des Tankers «Exxon Valdez» vor der Küste Alaskas 1989 reichten rund 40 000 Tonnen, um das Ökosystem für Jahre zu schädigen. Bis heute hat sich die Region nur oberflächlich erholt.

Die Parallelen beider Tragödien seien erschreckend, sagte Walt Parker. Als Leiter der Regierungskommission zur Aufklärung der Geschehnisse in Alaska hatte er Dutzende Vorschläge entwickelt, wie solch ein Öl-Drama künftig zu vermeiden ist - und was es nie wieder geben dürfe: etwa einen Konzern, der Profit über Sicherheit stellt. Eine Aufsichtsbehörde, die mit der Ölindustrie kuschelt, statt sie zu kontrollieren. Und eine US-Regierung, die ohne die Mithilfe der Ölfirmen rein gar nichts gegen die Verseuchung ihrer Küsten mit dem schwarzen Gift ausrichten kann, weil ihr die Werkzeuge und das Wissen fehlen.

Dass genau diese Faktoren auch die neue Ölkatastrophe auslösten, sei «enttäuschend», sagte Parker der «Washington Post». Tatsächlich kam bei Anhörungen im Kongress heraus, dass BP bei den Arbeiten auf der «Deepwater Horizon» zahlreiche Bestimmungen nicht beachtet und zudem keine ausreichenden Notfallfallpläne parat hatte. Alles geschah unter den Augen der Kontrollbehörde MMS. Für Zygmunt Plater, ebenfalls Mitglied der Kommission, ist es «frustrierend», dass «keine Lehren gezogen wurden».

Doch es gibt auch Unterschiede: Anders als damals liegt die Bedrohung nicht in einer riesigen Ölwelle, sondern in einem mit Öl und Öl-auflösenden Chemikalien verseuchten Teppich, der aus unzähligen Fetzen besteht. Trotz des Einsatzes von 6800 Schiffen, die Öl auf dem Wasser abschöpfen oder verbrennen, gelingt es deshalb kaum, die Verschmutzung in den Griff zu bekommen.

Einen «heimtückischen Feind» nennt Küstenwachen-Admiral Thad Allen, Obamas Einsatzleiter, den Ölteppich. «Ein sehr, sehr, sehr großes Problem» sei es, die 45 000 Reinigungshelfer zügig an die richtigen Stellen zu lotsen. Die seit Juni laufende Hurrikan-Saison macht die Koordination nicht leichter. Schon die Ausläufer des ersten Sturms «Alex» brachten die Arbeiten Anfang Juli mächtig durcheinander.

Die Ölpest ist nicht nur ökologisch eine Katastrophe. Fast überall an der Südküste kämpft die Tourismusbranche mit Besucherrückgängen. Auch an Stränden, wo noch kein einziger Tropfen Öl angekommen ist, zum Beispiel in Teilen Floridas, bleiben die verunsicherten Gäste weg.

Schlimmer trifft es noch die etwa 40 000 Fischer in der Golf- Region. Viele sind arbeitslos geworden, weil ihre Fanggründe =verseucht sind. 35 Prozent der vom Bund verwalteten Küstengewässer sind gesperrt. Die Fischer leben von Schecks, die BP ihnen als Schadenersatz ausstellt - und fragen sich, wie lange das funktionieren kann.

Auch BP selbst könnten die Kosten der Katastrophe in den Abgrund reißen. Insgesamt musste der Konzern schon 3,5 Milliarden Dollar (rund 2,7 Milliarden Euro) dafür aufbringen. Zudem zwang Obama das Unternehmen, 20 Milliarden in einen Schadenersatz-Fonds einzuzahlen. Was Mitte April noch ein florierendes Unternehmen mit Milliarden- Gewinnen war, ist plötzlich ein Übernahmekandidat.

Schwer unter Druck ist auch Barack Obama selbst geraten. Anfangs fasste er BP zu weich an und ergriff nicht die Initiative. Der Präsident in Zeiten der Krise - einfach «zu cool», befand das Nachrichtenmagazin «Time».

Da half auch sein politischer Kraftakt im Juni nicht: Die Rede an die Nation aus dem Oval Office; die vier Besuche in der Krisenregion und eine harte Auseinandersetzung mit der versammelten BP-Führung im Weißen Haus.

Gut drei Monate vor den wichtigen Kongresswahlen sagen noch immer 53 Prozent der Amerikaner, Obama habe die Ölpest nicht im Griff, schreibt die «Washington Post».

Umwelt / USA
24.07.2010 · 11:38 Uhr
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