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Analyse: «11. September für die Diplomatie»

US-Botschafter MurphyGroßansicht

Washington (dpa) - Im Washingtoner Außenministerium haben sie seit Wochen nur das Schlimmste befürchtet. Rund um den Globus versuchten US-Gesandte, den Schaden im Vorfeld der neuesten Wikileaks-Veröffentlichung zu begrenzen.

Daheim in der Zentrale waren Überstunden an der Tagesordnung, zuletzt wurde sogar der Urlaub über Thanksgiving gestrichen. Die Chefin Hillary Clinton musste unangenehme Telefonate mit ausländischen Regierungen führen. Sie wusste, dass ein GAU bevorstand, dass unzählige geheime Dossiers ihrer Diplomaten bei Wikileaks im Internet auftauchen. Die Frage war nur noch, wie schlimm der Alptraum tatsächlich sein würde.

Am Montag, dem Tag nachdem Medien in aller Welt genüsslich aus dem Material zitierten, haben sich alle Befürchtungen bestätigt. Die Diplomatie der letzten verbliebenen Weltmacht ist bloßgestellt. Das Material liefert zwar kaum Neuigkeiten oder Sensationen. Aber den Amerikanern tun die vielen ungeschminkten Details weh, die nun ans Tageslicht gerieten. Die Namen von Quellen, die offen im Netz kursieren. Die Spekulationen über US-Botschafter, die ihre Informanten angeblich wie Geheimagenten ausspionieren mussten.

Die meisten ausländischen Regierungen demonstrierten Gelassenheit und vermieden, mit dem Zeigefinger auf die USA zu zeigen. Sie alle kennen das diplomatische Geschäft. Aber dass das Datenleck einen heftigen Schaden für die USA angerichtet hat, scheint unverkennbar. «Diese Enthüllungen sind der 11. September für die weltweite Diplomatie, weil sie alle vertraulichen Beziehungen zwischen den Staaten in die Luft jagen», urteilte Italiens Außenminister Franco Frattini. Der Vergleich mit den schlimmsten Terrorangriffen auf heimischen Boden dürfte die Amerikaner besonders schmerzen.

Kein Wunder, dass US-Präsident Barack Obama vor Wut auf Wikileaks schäumt. «Rücksichtslos» und «gefährlich» sei es, was die Truppe um Julian Assange da veranstalte, ließ Obama seinen Sprecher Robert Gibbs noch am Sonntag ausrichten. Die Menschenrechte in aller Welt hätten sie aufs Spiel gesetzt, Regimekritiker und Oppositionsführer, die mit US-Diplomaten verkehrten, seien in Todesgefahr. Politiker, die Obama sonst nicht wohl gesonnen sind, pflichteten ihm bei: «Verachtenswert», sei die Enthüllung, schimpfte der Senator Joe Liebermann. «Die Verantwortlichen haben zweifelslos Blut an ihren Händen.»

Die Offenlegung der über 250 000 Depeschen verschlimmert Obamas Dilemma nur noch. Innenpolitisch steht ihm das Wasser bis zum Hals, sein Volk klagt über eine hohe Arbeitslosigkeit und verlangt von seinem Präsidenten endlich Taten. Nach der verlorenen Kongresswahl ist auch seine Wiederwahl 2012 in Gefahr. Doch Obama kann sich einfach nicht aus dem festen Griff der Außenpolitik lösen. Überall scheint die Lage verfahren.

Nordkorea bringt angeblich Raketen in Startposition, statt sich von Seemanövern der USA und Südkoreas beeindrucken zu lassen. Mit China liegt Washington nicht nur wegen des leidigen Währungsstreits über Kreuz. In Afghanistan bescheinigte ein Pentagon-Bericht den US-Streitkräften bescheidene Fortschritte - zugleich will Obama schon nächstes Jahr mit dem Abzug beginnen. Der START-Abrüstungsvertrag mit Russland - einer der wenigen internationalen Lichtblicke - droht an den streitlustigen Republikanern zu scheitern. Und in Nahost ist die Lage trostlos wie eh und je. Dort sollen großzügige amerikanische Hilfen Israel von neuen Bauten im Westjordanland abhalten.

Und jetzt auch noch Wikileaks. Die USA würden in nächster Zeit «viel Arbeit darauf verwenden müssen, das verloren gegangene Vertrauen ihrer Partner wieder aufzubauen», orakelt das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». Die «New York Times» findet es «vorstellbar», dass das Verhältnis zu anderen Staaten Schaden erleidet. Internationale Angelegenheiten könnten «in einer Weise beeinflusst werden, die man unmöglich vorhersagen kann».

Besonders im Nahen und Mittleren Osten und in Asien könnten die USA vor einem Scherbenhaufen stehen. In den Terrorhochburgen ist sie besonders auf Informanten angewiesen, die sich nach der Enthüllung wohl zweimal überlegen, ob der Kontakt mit den Amerikanern noch sicher ist. Die Details aus den Papieren etwa über die Konflikte im Irak, im Jemen, im Libanon, in Saudi-Arabien und Bahrain haben nicht gerade für neues Vertrauen bei den Arabern gesorgt. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagt schwere Zeiten für Diplomaten voraus.

Auch die Bundesregierung ist alles andere als froh über die Enthüllungen. Die tiefe Freundschaft zwischen Berlin und Washington dürfte zwar «nicht ernsthaft beschädigt» worden sein, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Aber das ganze sei durchaus ein «gravierender Vorgang von großer Tragweite», hieß es aus dem deutschen Außenamt.

Konflikte / Internet / USA
29.11.2010 · 23:02 Uhr
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