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Amokschützin schlug Sohn bewusstlos und erstickte ihn

Kerzen und Blumen stehen am 21.09.2010 vor der ausgebrannten Wohnung der Amokläuferin.Großansicht

Lörrach (dpa) - Nach dem Amoklauf in Lörrach hat die Obduktion der Leichen grausige Details ans Licht gebracht: Die Sportschützin schlug ihren fünfjährigen Sohn am Sonntag erst bewusstlos und erstickte ihn dann mit einer Plastiktüte. Die 41-Jährige wurde schließlich von der Polizei erschossen.

Nach Polizeiangaben vom Dienstag trafen die Beamten sie 17 Mal, mehrere Schüsse seien tödlich gewesen. Die Frau sei von den Beamten zunächst aufgefordert worden, ihre Waffe niederzulegen, sagte ein Polizeisprecher. Als sie dem nicht nachkam, hätten mehrere Polizisten auf die Täterin gefeuert - dies erkläre die hohe Zahl von Schüssen auf Sabine R.: «Bei Amoklagen muss der Täter so schnell wie möglich gestoppt werden.» Amokläufer wollten nicht verhandeln, sondern sterben und mit ihrem Tod ein Fanal setzen.

Das Blutbad hat die Debatte um das Waffenrecht neu entfacht. Die Grünen, die Linkspartei und das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden fordern eine erneute Verschärfung. CDU, FDP und Polizei lehnen dies ab. «Wir müssen erst mal die Novellierung, die wir nach Winnenden haben, in die Praxis umsetzen», sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, im ZDF-Morgenmagazin. Die Kommunen könnten schon jetzt die sichere Aufbewahrung von Waffen kontrollieren - unabhängig davon, ob ein Verdacht besteht. Doch dies scheitere vielerorts am mangelnden Personal.

Der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach (CDU) sagte der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Dienstag): «Ein Verbot des privaten Schusswaffenbesitzes würde die innere Sicherheit nicht erhöhen, sondern völlig neue Gefahrenquellen schaffen.» Wenn rund zehn Millionen legale Waffen in Deutschland in privaten Arsenalen lagerten, müssten diese mit riesigem Aufwand bewacht werden. Bei einem Überfall auf ein solches Lager «können Sie mit den erbeuteten Waffen eine Privatarmee ausrüsten», warnte Bosbach.

Der Obduktion zufolge tötete Sabine R. ihren Mann in ihrer Wohnung, in der sie auch ihre Anwaltskanzlei hatte, mit zwei Schüssen in Kopf und Hals. Die Frau lebte seit Juni getrennt von dem 44- Jährigen. Das Kind wohnte beim Vater und war am Sonntag bei der Mutter zu Besuch. Als der Vater das Kind abholen wollte, kam es zu der tödlichen Gewalt. Anschließend legte Sabine R. mit Brandbeschleunigern Feuer. Vater und Sohn wurden nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa aus Polizeikreisen nebeneinanderliegend auf dem Bett gefunden.

Weiter unklar ist, warum Sabine R. danach ins gegenüberliegende St. Elisabethenkrankenhaus lief und ob es einen Zusammenhang mit einer Fehlgeburt gibt, die sie dort 2004 erlitt. Auf dem Weg in die Klinik verletzte sie zwei Passanten. Zeugenangaben zufolge schoss sie auch noch auf weitere Menschen auf der Straße. Ein Fußgänger ging demnach sofort in Deckung. Zudem soll Sabine R. auf eine etwa 70 Jahre alte Frau mit einer Gehhilfe, ein vorbeifahrendes Auto und einen Mann mit einem Kind gezielt haben. Sie wurden nicht getroffen. Die Polizei sucht dringend Zeugen.

Im Krankenhaus erschoss sie einen 56 Jahre alten OP-Pfleger, den sie laut Polizei nicht persönlich kannte. Ihn trafen drei Schüsse in Kopf und Hals. Außerdem fügte die Täterin ihm mehrere Stiche in den Oberkörper zu. Einen Polizisten verletzte sie schwer. Die Frau galt zuletzt als psychisch stark angespannt und hatte offenbar die Trennung von Mann und Kind nicht verkraftet.

In zwei Tresoren in Wohnung und Kanzlei der Amokläuferin entdeckten die Ermittler keine neuen Hinweise auf die Hintergründe der Tat. «Wir haben nichts gefunden, was von Bedeutung wäre für den Fall», sagte ein Polizeisprecher. Die Ermittler hatten gehofft, darin möglicherweise Hinweise auf das Motiv sowie auf Probleme und die Persönlichkeit von Sabine R. zu finden.

Nach Angaben des Deutschen Schützenbundes war die Amokläuferin bereits 1996 aus dem Schützenverein ausgetreten, hatte ihre Waffe aber behalten. «Dies wäre heute so nicht mehr möglich», sagte der Verbandssprecher Birger Tiemann. Das geltende Recht hätte den Amoklauf verhindern können, sagte er.

Die Grünen warfen der Regierung Versäumnisse beim Waffenrecht vor. «Es ist ein skandalöser Umstand, dass wir anderthalb Jahre nach Winnenden schon wieder um die Opfer eines tragischen Amoklaufs trauern müssen», sagte Parteichefin Claudia Roth. Sportwaffen dürften nicht mehr in privaten Wohnungen aufbewahrt werden. «Man muss die Waffen aus den Privathaushalten verbannen», sagte auch Hardy Schober, Mitbegründer des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden.

Die Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Birgit Homburger, sprach sich gegen ein schärferes Waffenrecht aus, mahnte allerdings striktere Kontrollen von Waffenbesitzern an. Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) sagte, derartige Taten könne man auch durch restriktivere Gesetze nicht ausschließen: «Ich habe keinen Hinweis darauf, dass wir eine Gesetzeslücke haben.» Das Waffenrecht sei zuletzt bereits massiv verschärft worden. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter sprach sich im Nachrichtensender n-tv für eine getrennte Lagerung von Waffen und Munition aus.

Kriminalität
21.09.2010 · 21:02 Uhr
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