News
 

Amerika trauert um den «Löwen»

Die Kennedy-Brüder (l-r): Edward, John F. und Robert am 15. März 1958 in Washington. (Archivfoto)Großansicht
Washington (dpa) - Edward Kennedy sah das Ende kommen. Noch vorige Woche bat er in einem Brief an den Gouverneur seines Bundesstaates Massachusetts, rasch für seine Nachfolge zu sorgen, sollte der Kongress ohne ihn über die Gesundheitsreform abstimmen, an der dem Senator so viel lag.

Aber als Amerika am Mittwoch erwachte und vom Tod des «liberalen Löwen» erfuhr, hätte der Schock nicht größer sein können. So recht kann sich in den USA niemand das politische Leben ohne jenen Mann vorstellen, dessen schlohweißer Schopf überall hervorstach, ebenso wie seine wortgewaltige Rede, sein Einsatz für die Schwachen. Als Amerika erwachte, wehte die US-Flagge über dem Kapitol in Washington schon auf Halbmast.

Präsident Barack Obama erfuhr die Nachricht morgens um zwei Uhr an seinem Urlaubsort auf der Prominenteninsel Martha's Vineyard - gerade einmal rund 40 Kilometer Luftlinie von Hyannis Port entfernt, wo Kennedy den Kampf gegen den Krebs am Ende verlor. Für wenige politische Weggefährten dürfte der Verlust schmerzlicher gewesen sein als für den ersten schwarzen Präsidenten der US-Geschichte. Ein «Mentor» sei Kennedy für den Junior-Senator aus Illinois gewesen, berichtete Obamas Chefberater David Axelrod am Mittwoch blassen US-Fernsehmoderatoren, die man wegen der Todesnachricht aus dem Bett geklingelt hatte.

Als Kennedy sich im Wahlkampf hinter den Aufsteiger stellte und nicht - trotz langjähriger Freundschaft - hinter Hillary Clinton, galt das als einer der entscheidendsten Momente im dramatischsten Rennen um das Weiße Haus seit Jahrzehnten. «Und auch, als er tapfer gegen eine tödlichen Krankheit kämpfte, konnte ich als Präsident von seiner Ermutigung und seiner Klugheit profitieren», dankte Obama seinem politischen Lehrmeister am Mittwoch.

Schon die Nachricht von der Krebserkrankung im Mai 2008 hatte Amerika entsetzt und ungläubig aufgenommen. Im Senat kam es zu ergreifenden Szenen, als die Hiobsbotschaft von der Erkrankung jenes Mannes eintraf, der 1963 seinen ermordeten Bruder John und 1968 den ebenfalls erschossenen Robert zu Grabe tragen musste. Senatoren rangen um Fassung, als sie die Verdienste des Kranken würdigten. Der 90-jährige Robert Byrd, vor Kennedy das dienstälteste Mitglied im Senat, brach am Rednerpult weinend zusammen.

Die Krankheit traf den Patriarchen der Demokratischen Partei inmitten eines energiegeladenen politischen und eines privaten Lebens, in dem es nach vielen Turbulenzen ruhig geworden war. Kennedy war seit 1992 zum zweiten Mal verheiratet, sein Ruf als durch Bars und Schlafzimmer ziehender Lebemann seitdem verblasst.

Stets waren in der viele Kapitel zählenden Kennedy-Saga Höhenflüge, Tragik und selbst verschuldetes Unglück eng miteinander verknüpft. «Teddy» selbst war immer wieder unmittelbar betroffen. Er verliert seine Brüder durch Schüsse, übernimmt die Vaterrolle für die Kinder. Sein Neffe, Roberts Sohn Michael, wird 1998 bei einem Skiausflug leichtsinnig und hat einen tödlichen Unfall. Bereits 1984 ist Michaels Bruder David an einer Rauschgift-Überdosis gestorben.

1999 stürzen John Kennedy Jr. und seine Frau Carolyn mit einem Flugzeug tödlich ab. «Teddys» Sohn Edward wird 1973 wegen Krebs ein Bein amputiert, Sohn Patrick, ein Kongressabgeordneter, muss sich 2006 wegen Arzneimittel-Abhängigkeit behandeln lassen. Neffe William Kennedy Smith wird nach einer gemeinsamen Bar-Tour mit seinem Onkel 1991 wegen Vergewaltigung angeklagt, aber freigesprochen.

Und dann war da jener Unfall 1969, als Edward Kennedy nach einer Party sein Auto in einen Fluss steuert und flüchtet, seine Begleiterin ertrinkt. Das begräbt praktisch seine Aussichten, jemals selbst Präsident zu werden. Aber als Kämpfer für die Bürgerrechte, für Arme und Bedürftige gelang es ihm, selbst Geschichte zu schreiben. Und auf diesen Kampfgeist gründeten viele Amerikaner zunächst ihre Hoffnung, dass Kennedy auch die Herausforderung der Krebserkrankung meistern würde. Sie hofften vergeblich.

Innenpolitik / Leute / USA
26.08.2009 · 14:07 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

News-Suche

 

Weitere Themen