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Alkoholsucht - Alte werden immer abhängiger

Morgens halb acht an der Supermarktkasse. Drei Literflaschen französischer Billigwein stehen im Einkaufswagen, daneben die Kiste Bier der Discounter-Hausmarke. Der alte Mann ist barfuß in Schlappen unterwegs, der graue Bart stoppelt. Wie es das Klischee will, zittert die Hand, mit der er eine der Weinflaschen aufs Band legt. Anschließend stützt er sie an der Metallverkleidung ab, so bleibt sie ruhig. Es ist unwahrscheinlich, dass er heute Abend Gäste erwartet. Wahrscheinlich wird dieser Mann jetzt nach Hause gehen und den Verschluss von der ersten Flasche schrauben, sobald er die Wohnungstür geschlossen hat.

Das ist sein gutes Recht. Wer als Erwachsener Alkohol trinken will, darf das auch, und wenn er sich damit zugrunde richtet. Doch immer mehr alte Menschen sind süchtig, 2010 beziffert das Bundesgesundheitsministerium das Alkoholproblem mit 400.000 Abhängigen. Zwei bis drei Prozent der Männer über 60 sind süchtig, bei 30 Prozent gilt der Alkoholkonsum als riskant, hat eine Studie des Mannheimer Psychiaters Siegfried Weyerer ergeben. Die Zahl der Menschen über 70, die wegen akuten Rauschs im Krankenhaus behandelt wurden, ist laut Statistischem Bundesamt zwischen 2005 und 2010 um mehr als die Hälfte angestiegen.

Diese Menschen, die zunehmend auf Hilfe anderer angewiesen sind, will man nicht tatenlos in ihr Verderben laufen lassen. «Es ist eine ethische Frage. Viele sagen, ‹lohnt das überhaupt noch, sollte man ihnen nicht ihre einzige Freude lassen?›», sagt Stefanie Schmolke-Gawor. Sie leitet bei der Hamburger Alida-Schmidt-Stiftung das Projekt Sucht im Alter, das alten Süchtigen helfen will. Dieses Projekt gäbe es nicht, wenn sie und ihre Kollegen nicht der Meinung wären, dass es lohnt.

Süchtige alte Menschen suchen keine Hilfe

«Wir wollen nicht mit moralischem Zeigefinger den Alkohol verbieten. Darum geht es nicht. Aber wir wollen die Leute ernst nehmen in ihrer Autonomie, und dazu gehört auch, informiert zu sein», begründet Schmolke-Gawor. Denn Alkohol und auch Medikamente, eine andere typische Alterssucht, beschleunigen den Alterungsprozess, verstärken Krankheiten, führen zu Stürzen - beeinträchtigen die Lebensqualität.

Deshalb machen sie ein Angebot, mehr kann es nicht sein. So ist Suchthilfe seit jeher aufgebaut, wer sich entschieden hat, Hilfe anzunehmen, kann sie sich holen. Man spricht vom «Komm-Prinzip» in der Suchtberatung, doch genau das ist bei alten, vor allem bei pflegebedürftigen Menschen außer Kraft gesetzt. Sie können nicht kommen, doch man darf ihnen die Hilfe auch nicht einfach aufdrängen.

Auf dem schmalen Grat zwischen helfen wollen und nicht entmündigen dürfen arbeitet Clemens Funk. Er ist seit sieben Jahren Altenpfleger, aktuell Mediator im Projekt Sucht im Alter und damit der Verbindungsmann zwischen Pflegern und Suchtberatung. Einmal hat er in seinem Berufsleben bislang eine alkoholabhängige Frau erlebt. «Solange sie sich bewegen konnte, schleppte sie sich zum Laden, um ihren Alkohol zu bekommen. Man musste immer damit rechnen, sie alkoholisiert vorzufinden, manchmal hatte sie eingenässt oder war gestürzt.»

Alkoholismus bei alten Menschen schwer zu erkennen

Clemens Funk sprach sie darauf an, dass er sie ständig aufsammeln müsse und dass sie mit ihrer Gesundheit spiele. Doch sie wollte seine Hilfe nicht. Heute würde er nicht so schnell aufgeben, denn nun kann er auf sein Netzwerk zurückgreifen, sich Rat holen bei den Kollegen von der Suchtberatung und mit ihnen eine anonyme Fallbesprechung machen. «Die Pflegekräfte sind jetzt sensibilisiert, was Alkoholismus ist, und haben einen Handlungsleitfaden bekommen.»

Es ist allerdings gar nicht so leicht, Alkoholsucht überhaupt zu identifizieren. Die Hände zittern bei alten Menschen aus 1000 verschiedenen Gründen; wenn das Hirn hakt, müssen keine Suchtmittel im Spiel sein. Doch jetzt haben die Pfleger die Option Sucht stärker auf dem Schirm, beobachten und wägen ab, bevor sie die Konfrontation wagen und das Gespräch suchen - ohne Wertung, aber mit einer gewissen Hartnäckigkeit.

Noch ist Sucht im Alter ein Projekt, es gibt ähnliche in anderen Bundesländern. Noch gibt es keine Extra-Budgets für die aufsuchende Suchtberatung, geschweige denn einen Posten im Pflegegeld. Die Beratungsstellen knapsen das Geld aus ihrem Topf ab.

Integration von alten Junkies

Doch die Hilfe für süchtige alte Menschen braucht eine breite Basis, denn der Anteil der Personen über 60 mit Suchtbelastung, wie Stefanie Schmolke-Gawor es nennt, wächst rapide. Das liegt auch daran, dass die Generationen, die gerade alt werden, schon in jüngeren Jahren viel stärker an Alkohol gewöhnt sind als die heute über 70-Jährigen.

Ähnliches gilt auch für die alten Junkies. 80.000 Menschen in Deutschland sind von Heroin oder Substituten abhängig, schon heute liegt der Altersschnitt bei ihnen über 40 Jahre. «Die Gesellschaft tut viel für sie, sie leben in betreuten Wohnungen und sehen jeden Tag einen Arzt», sagt die Frankfurter Suchtforscherin Irmgard Vogt. Schon jetzt können die wenigsten allein leben, und es ist klar, dass sie weit früher pflegebedürftig sein werden als die Mehrheit der Bevölkerung.

«Das wird nicht ganz einfach», sagt die Suchtforscherin. Sie wünscht sich, dass die Drogenabhängigen nicht im Milieu unter sich bleiben müssen, sondern in normalen Altenheimen leben können. Viele seien dazu bereit. Die alten Abhängigen und Junkies zu integrieren - auch das ist eine Aufgabe, die der demographische Wandel bereithält.

[news.de] · 23.06.2012 · 08:00 Uhr
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