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Alkohol-Panscher weisen sich gegenseitig Schuld zu

Blumen und Trauerschleifen schmücken am 06.04.2009 in Lübeck auf dem Vorwerker Friedhof das Grab des in der Türkei mit Methanol vergifteten Schülers.Großansicht
Antalya/Lübeck (dpa) - Für die tödliche Schnapsvergiftung von drei Lübecker Schülern in der Türkei haben sich die Angeklagten beim Auftakt des Prozesses gegenseitig die Verantwortung zugewiesen.

«Meine Kollegen und ich sind in diesem Fall nicht schuld», erklärte der Manager des Urlaubshotels im südtürkischen Badeort Kemer, in dem die Gruppe bei einer Klassenfahrt abgestiegen war - und auch den gepanschten Billigfusel gekauft hatte. Andere Gäste hätten die Marke ebenfalls getrunken, betonte der Manager, und keinem sei es danach schlecht gegangen.

Auch die Lieferanten wiesen die Anklagevorwürfe zurück: Er sei gegen die Herstellung von illegalem Alkohol, sagte etwa der Mitinhaber eines türkischen Unternehmens am Dienstag. «Ich bin kein Hersteller, ich bin nur ein Großhändler.» Das Unternehmen soll Hoteliers und Gastwirten billigen Fusel verkauft haben, damit sie ihn an Touristen ausschenken konnten.

Elf Männer und zwei Frauen - die Ehefrauen zweier angeklagter Brüder - müssen sich vor dem Gericht in Antalya wegen Totschlags, versuchten Totschlags und einem Verstoß gegen das Alkohol-Gesetz verantworten. Der Prozess soll am 23. März fortgesetzt werden.

Bei einer Klassenfahrt im März vergangenen Jahres hatten die Schüler den hochgiftigen Methylalkohol im Hotel getrunken - weil sie dachten, es sei Wodka. Nach der privaten Party starb ein 21-Jähriger an einer Methanolvergiftung, ein 17- und ein 19-Jähriger fielen ins Koma und starben später in der Uniklinik Lübeck. Vier weitere Schüler erlitten leichtere Vergiftungen und überlebten. Ein türkischer Anwalt der Angehörigen der Opfer erklärte: «Es hätte jeden treffen können.»

Die Familien der Opfer appellierten an die Richter, die Schuldigen zu überführen. «Ich hoffe, das wird mit Ihrer Hilfe geschehen», sagte einer der Väter. «Ich möchte das für die Getöteten, und ich möchte das für meinen Sohn.» Er glaube an das türkische Rechtssystem, betonte ein zweiter Vater. Der Lübecker Opfer-Anwalt Frank-Eckhard Brand sprach von einer «großen Tragödie».

Die Richter stellten am Dienstag Strafen von 20 bis 25 Jahren für die Totschlags-Vorwürfe und mindestens fünf Jahre für den Verstoß gegen das Alkohol-Gesetz in Aussicht. Drei Angeklagte sitzen noch in Untersuchungshaft, drei weitere kamen am Dienstag gegen eine Kaution auf freien Fuß.

Das Hotel habe den tödlichen Alkohol woanders gekauft und versuche nun, ihn zu beschuldigen, sagte der Mithaber des türkischen Unternehmens. Der Anwalt des Hotels wiederum verwies darauf, dass sich der Mann bereits früher wegen eines Vergiftungsfalls verantworten musste. Er und sein Bruder seien an der Herstellung von illegalem Alkohol beteiligt.

Die Lübecker Staatsanwaltschaft hatte den Fall im Sommer an die türkischen Behörden abgegeben. Die Ermittlungen gegen den Lehrer, der die Schüler auf der Reise begleitet hatte, wurden im Juli eingestellt. Es habe keine Hinweise auf unterlassene Hilfeleistung oder fahrlässige Tötung durch Unterlassen gegeben, hieß es.

Prozesse / Kriminalität / Türkei / Deutschland
26.01.2010 · 17:09 Uhr
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