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Ärzte verordnen immer mehr Arzneimittel

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Berlin (dpa) - Trotz riskanter Nebenwirkungen bekommen viele Demenzkranke in Deutschland statt einer guten Pflege viele Beruhigungsmittel. Pflege werde so ersetzt, kritisierte der Bremer Gesundheitsforscher Gerd Glaeske am Dienstag in Berlin.

Dies komme «chemischer Gewalt gegen Ältere» gleich, sagte er bei der Vorstellung des Arzneimittel-Reports 2009 der Gmünder ErsatzKasse (GEK). Wenig Hoffnung macht der Report hinsichtlich der Ausgabenentwicklung bei Arzneien - ein Ende des ständigen Anstiegs ist wegen immer neuer Medikamente aus dem Genlabor nicht in Sicht.

Ärzte verschreiben Demenzkranken zu viele Beruhigungsmittel, monierte Studienautor Glaeske. Diese Medikamente würden im Pflegealltag oft dazu genutzt, die Patienten ruhig zu stellen. Beinahe jeder dritte untersuchte Versicherte mit Demenz bekam 2008 ein solches Beruhigungsmittel verordnet, obwohl diese zum Tod der Betroffenen führen können. Weitere Risiken: Lungenentzündungen, Schlaganfälle, Herzprobleme. «Die Neuroleptika-Verordnungen müssen drastisch gesenkt werden», forderte Glaeske.

Neue gentechnisch hergestellte Medikamente könnten Patienten mit Krebs, Multipler Sklerose oder Arthritis dagegen oft helfen, sagte Glaeske. Doch er kritisierte, dass hierzulande anders als in anderen Staaten die Hersteller die Preise dieser Mittel mit Jahres- Therapiekosten von bis zu 80 000 Euro frei gestalten können.

Die jüngste Gesundheitsreform unter Federführung von Ministerin Ulla Schmidt (SPD) weise eine «Gesetzeslücke» auf. So müssten dringend auch neue Spezialmittel den vorgesehenen Bewertungen des Nutzens im Verhältnis zu den Kosten unterworfen werden, forderte Glaeske. Dies gelte umso mehr, als die Mittel oft gegen immer neue Krankheiten eingesetzt würden, wenn sie einmal auf dem Markt seien.

Die Geschäftsführerin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller vfa, Cornelia Yzer, entgegnete, der Ausgabenanteil der Kassen für gentechnische Medikamente sei 2008 nur um 0,6-Prozentpunkte auf 13,8 Prozent der Arzneimittelkosten gestiegen.

GEK-Chef Rolf-Ulrich Schlenker warnte, die Kassenausgaben für Arzneimittel hätten bereits jene für Ärzte überschritten und drohten weiter zu klettern. Insgesamt seien die Ausgaben für Arzneimittel 2008 laut GEK-Studie um neun Prozent pro Versichertem gestiegen. Die Ausgaben für Arzneimittel fielen mit einem Plus von 5,3 Prozent auf 29,2 Milliarden Euro in der gesetzlichen Krankenversicherung 2008 deutlich ins Gewicht.

Gegen als unzureichend kritisierte Sparmöglichkeiten bei den Arzneien kündigte Schlenker bis Sommer die Entscheidung über ein eigenes Kostensenkungs-System bei der GEK an. Die Ärzte sollten sich auf die Verschreibung von Wirkstoff und Menge konzentrieren - die Apotheker sollten die Mittel mit günstigen Preisen heraussuchen. Damit will die GEK auch den AOKen Paroli bieten, die Rabattverträge mit Herstellern abgeschlossen hatten. Der Deutsche Apothekerverband begrüßte den ursprünglich von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung stammenden Vorstoß. «Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen», sagte der Vorsitzende Fritz Becker.

Der Report beruht auf rund 11 Millionen Verordnungen für GEK- Patienten.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat unterdessen die Manager der gesetzlichen Krankenkassen scharf kritisiert. «Manche haben offenbar den Bezug zur Realität verloren», sagte Schmidt der «Financial Times Deutschland».

Forderungen der Kassen nach einem Krisenzuschuss in Milliardenhöhe wies sie zurück. «Es kann nicht sein, dass jeder im Gesundheitssystem immer nur nach mehr Geld ruft.»

Der Kassen-Spitzenverband hatte Hilfen verlangt, um Beitragsausfälle infolge der Wirtschaftskrise auszugleichen. Dazu solle ein Darlehen des Bundes in einen Zuschuss ungewandelt werden. Ende April waren die Einnahmeausfälle der gesetzlichen Krankenversicherung für 2009 auf 2,9 Milliarden Euro taxiert worden.

Schmidt warf den Krankenkassen vor, dass sie sich über die Gesetze der Gesundheitsreform stellten. «Die Honorierung der Ärzte muss stärker an der Qualität der Patientenversorgung ausgerichtet werden», betonte die SPD-Politikerin. Mit der Reform sei festgelegt worden, dass Kassen und Mediziner bis Ende Juni in gemeinsamen Verträgen einen Teil der Hausarzthonorare an eine verbesserte Versorgungsqualität knüpfen. Bisher sei dies aber nicht flächendeckend gelungen.

Gesundheit / Arzneimittel
09.06.2009 · 17:15 Uhr
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