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Ägypten offline: «Die Straße ist unser Facebook»

Protest gegen ZensurGroßansicht

Berlin (dpa) - Noch nie in der Geschichte des Internets wurde ein Land so radikal vom Netz getrennt wie jetzt Ägypten. Die Internet-Provider des Landes kappten am vergangenen Freitag in einer konzertierten Aktion alle Verbindungen in das weltweite Netzwerk.

Nur die Noor Group, die auch die Börse in Kairo mit der Außenwelt verband, blieb zunächst online. Doch inzwischen wurde auch diese Verbindung getrennt. Als sich am Dienstagvormittag der «Marsch der Millionen» formierte, funktionierten immerhin noch die Mobilfunknetze, die bei der ersten Protestwelle in der vergangenen Woche abgeschaltet worden waren.

In Sachen Telekommunikation ist Ägypten kein Entwicklungsland, sondern eine moderne Volkswirtschaft. Von den achtzig Millionen Ägyptern besitzen schätzungsweise 55 Millionen ein Handy, etliche von ihnen auch ein Smartphone mit Videokamera. «Jetzt, wo die Leute auf der Straße sind, knipsen und filmen sie sich gegenseitig, was die Speicherkarte hergibt», schreibt der freie Journalist und Blogger Richard Gutjahr, der sich auf eigene Faust nach Kairo aufgemacht hat, um in seinem Blog live von der Revolution in Ägypten zu berichten.

Im Vorfeld des Volksaufstandes am Nil spielte das Internet die Rolle eines Katalysators, gerade bei jungen Leuten. Da es im Alltag nur wenig Freiräume für eine kritische Diskussion gab, liefen die heißen Debatten in Blogs und in Online-Netzwerken wie Facebook und Twitter ab. Auch bei der praktischen Organisation von Protestaktionen spielten Twitter und Facebook eine wichtige Rolle.

So nutzte die Jugendbewegung «6. April» schon vor fast drei Jahren das Netz, um das Regime von Präsident Husni Mubarak herauszufordern. Zur Unterstützung von protestierenden Arbeitern in der Industriestadt Mahalla al-Kubra riefen sie auf Facebook für den 6. April 2008 zum Streik auf, der damals allerdings an den Machtverhältnissen in Ägypten wenig änderte.

«Facebook spielte in der Tat eine große Rolle», sagte am Dienstag ein Demonstrant auf dem Tahrir-Platz dem deutschen Blogger Gutjahr. «Wir hier sind alle bei Facebook.» Nachdem die Netze abgeschaltet sind, funktioniert der Protest auch offline. «Das hier ist jetzt unser Facebook!»

Damit die Stimmen aus Ägypten in den sozialen Netzwerken trotz der Netz-Blockade nicht verstummen, hat der Suchmaschinen-Konzern Google eigens einen Dienst eingerichtet, mit dem sich die Kommunikationssperre umgehen lässt. Twitterer in Ägypten können ihre Kurznachrichten nun per Telefonanruf absetzen. Die Botschaften werden von einem Spracherkennungsprogramm in Text umgewandelt und dann mit dem Schlagwort «egypt» augenblicklich bei Twitter veröffentlicht. Über http://twitter.com/speak2tweet können diese Mitteilungen auch angehört werden.

Die Botschaft, dass sich am Dienstag die Massen zum Protest versammeln, hatte sich aber auch schon vor der Google-Initiative herumgesprochen. Hunderttausende strömten zum Tahrir-Platz, um dem Regime von Präsident Mubarak ein Ende zu bereiten.

Unruhen / Internet / Ägypten
01.02.2011 · 23:31 Uhr
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