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ADAC gesteht Mauscheleien beim Autopreis «Gelber Engel»

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München (dpa) - Der mitgliederstarke ADAC hat Mauscheleien beim Autopreis «Gelber Engel» eingeräumt und steht massiv in der Kritik. Die Zahl der abgegebenen Stimmen sei in der Kategorie Lieblingsauto der Deutschen «geschönt» und höher dargestellt worden, teilte der Autoclub in München mit.

Das Geständnis bezog sich auf die diesjährige Wahl - doch der Skandal könnte noch größere Ausmaße annehmen als zunächst bekannt.

Denn die Teilnehmerzahlen zu der Umfrage sollen vom ADAC-Kommunikationschef Michael Ramstetter über Jahre hinweg nach oben geschönt worden sein. Dies habe ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair der «Süddeutschen Zeitung» bestätigt, berichtet das Blatt in seiner Montagausgabe. Der ADAC ist mit rund 19 Millionen Mitgliedern größter Autoclub in Europa und größter Verein in Deutschland.

Ramstetter, der seit Jahren auch Chefredakteur der Mitgliederzeitschrift «Motorwelt» war, habe - so der ADAC in seiner Mitteilung vom Sonntag - «die alleinige persönliche Verantwortung» übernommen und alle Funktionen beim ADAC niedergelegt. Obermair kündigte in der «Süddeutschen Zeitung» eine umfassende Aufklärung an. Wenige Tage zuvor hatte er die Manipulationsvorwürfe noch als «Unterstellungen» zurückgewiesen.

Nun will der ADAC auch Wahlen der vergangenen Jahre überprüfen. Das könnte jedoch schwierig sein, wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet. So sollen einige Statistiken «angeblich unmittelbar nach der jeweiligen Preisverleihung vernichtet» worden sein. Doch: «Auf Nachfrage soll Michael Ramstetter eingeräumt haben, die veröffentlichten Zahlen bei der Wahl zum Lieblingsauto der Deutschen auch in anderen Jahren weitgehend frei erfunden zu haben.» Der Betrug soll laut Obermair unentdeckt geblieben sein, weil - so zitiert die Zeitung den Geschäftsführer - Ramstetter dafür gesorgt habe, dass er allein Zugang zu allen Abstimmungsauszählungen gehabt habe.

Ramstetter habe sich für sein Fehlverhalten entschuldigt, hieß es am Sonntag in der Pressemitteilung des ADAC. Der 60-Jährige habe bedauert, der Glaubwürdigkeit des ADAC Schaden zugefügt zu haben. Ramstetter selbst wollte sich am Sonntag nicht äußern. Zur Dimension der Zahlenmanipulation machte der ADAC weiter keine Angaben.

Der Skandal wirft nach Ansicht des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen ein Schlaglicht auf andere Tests und Statistiken des ADAC. «Auch die Pannen- und Tunnelstatistik müsste man jetzt untersuchen», sagte Dudenhöffer der Nachrichtenagentur dpa am Sonntag. Wenn beim Gelben Engel gelogen worden sei, könne man das für andere Bereiche nicht ausschließen.

Auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) forderte weitere Klärung: «Der ADAC hat jetzt die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Karten auf den Tisch gelegt werden.» Die Vorgänge zeigten, dass «großen Verbänden manchmal etwas mehr Bescheidenheit im Auftreten gut täte», sagte der Minister in München, der wegen der geplanten Einführung einer Pkw-Maut für Ausländer mit dem ADAC im Streit liegt.

Dem ADAC droht nun eine massive Vertrauenskrise. Der Automobilclub bemühte sich um Schadensbegrenzung. Bei der diesjährigen Wahl des Lieblingsautos sei nur die Zahl der abgegebenen Stimmen geschönt worden, aber nicht die Rangfolge der Ergebnisse, wurde betont.

Die «Süddeutsche Zeitung» hatte am vergangenen Dienstag als erstes Blatt über Mauscheleien beim Preis «Gelber Engel» berichtet. Nach ihren Informationen soll es nur 3409 Stimmen für das Siegerauto VW Golf gegeben haben, ein ADAC-Papier vom Dezember 2013 habe dagegen als offizielles Ergebnis 34 299 Stimmen genannt.

ADAC-Geschäftsführer Obermair hatte am Donnerstag bei der offiziellen Feier zur Auszeichnung des VW Golf mit dem «Gelben Engel» vor Gästen noch von «Unterstellungen und Unwahrheiten» gesprochen. Er hatte gespottet, immerhin seien die vier Buchstaben des ADAC richtig abgedruckt worden. Im übrigen sei nichts älter als die Tageszeitung von gestern: «Mit der packt man den Fisch ein.»

Nun erklärte der ADAC, unmittelbar nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe gegen Ramstetter hätten Geschäftsführung und Präsidium eine lückenlose interne Prüfung angeordnet. Noch vor deren Abschluss habe Ramstetter am Freitag seinen Fehler eingeräumt. Weder Geschäftsführung noch Präsidium seien zuvor «über diese Unregelmäßigkeiten bei der Leserwahl» unterrichtet gewesen.

Die anderen Kategorien beim Preis «Gelber Engel» seien von den Vorgängen nicht betroffen, betonte der Autoclub. Er will Vertrauen zurückgewinnen und kündigte an, bis 2015 für die Abstimmung zum Lieblingsauto ein notariell überwachtes Verfahren zu entwickeln, das über jeden Zweifel erhaben sei.

Europas größter Autobauer Volkswagen erwartet volle Aufklärung von dem Automobilclub. «Wir müssen denen natürlich auch eine Chance geben, die Sache aufzuklären», sagte ein Sprecher des Wolfsburger Konzerns. «Wir sind nach wie vor der Auffassung, dass der Golf das Lieblingsauto der Deutschen ist.» Die Frage sei jedoch, was dieser Preis bei den Begleitumständen überhaupt noch wert sei.

Der Auto Club Europa (ACE) wandte sich grundsätzlich gegen Auszeichnungen in der Automobilbranche. Wer wirklich wissen wolle, welche Wagen am beliebtesten seien, solle auf die fälschungssicheren Zulassungszahlen des Kraftfahrtbundesamtes schauen, teilte der ACE in Stuttgart mit. «Demgegenüber ist alles andere offenbar nur Blendwerk und aufgeblasene Selbstinszenierung.»

Verbände / Auto / Verkehr / ADAC
19.01.2014 · 22:03 Uhr
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