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65 Jahre nach Befreiung: Gedenken an Auschwitz-Opfer

Schimon PeresGroßansicht
Oswiecim/Warschau/Berlin (dpa) - 65 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz haben Staats- und Regierungschefs der Holocaust-Opfer gedacht und vor neuen Gefahren für den Weltfrieden gewarnt.

Der israelische Präsident Schimon Peres forderte in Berlin, noch lebende Nazi-Schergen vor Gericht zu bringen. «Ich bitte Sie, tun Sie alles, um diesen Verbrechern ihre gerechte Strafe zu erteilen», sagte der Friedensnobelpreisträger am Mittwoch in einer bewegenden, sehr persönlich gehaltenen Rede bei der Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu rief bei der Gedenkveranstaltung im ehemaligen Nazi-Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zur Wachsamkeit auf, damit es keinen neuen Holocaust gibt. Rund 150 Überlebende nahmen an den Feierlichkeiten teil.

Netanjahu erinnerte daran, dass ein Drittel des jüdischen Volkes in Europa ermordet worden war. «Wir vergessen nicht, wir werden uns immer erinnern und werden immer wachsam sein», sagte er. Auf der Welt entstehe ein neues Ungeheuer und drohe erneut mit der Vernichtung der Juden, warnte der Regierungschef, ohne dabei konkreter zu werden. Das «mörderische Böse» müsse so schnell wie möglich eingedämmt werden, forderte er laut einer Übersetzung des polnischen Fernsehens. Er werde niemals zulassen, dass «böse Hände» wieder Angehörige seines Volkes oder sein Land würgten. In der Vergangenheit hatte Israel mehrfach vor einer Bedrohung durch den Iran gewarnt.    

Polens Staatsoberhaupt Lech Kaczynski und Ministerpräsident Donald Tusk hoben die Bedeutung des Gedenkens hervor. Die Erinnerung sei notwendig, damit sich solche Verbrechen wie in Auschwitz und Birkenau niemals wiederholen, sagte Kaczynski. «Wir müssen die Wahrheit vermitteln», betonte er und verwies auf die Bedeutung des Holocaust-Unterrichts an den Schulen. Damit beschäftigten sich am Vormittag Bildungsminister und Regierungsvertreter aus 35 Staaten.

Tusk versicherte, Polen werde alles unternehmen, damit das ehemalige KZ als Gedenkstätte erhalten bleibe. Das sei erforderlich als «Beweis für das Verbrechen», um Argumente gegen Holocaust-Leugner zu haben. Die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, forderte, dem «braunen Gedankengut» auch heute entschieden entgegenzutreten.

Russlands Präsident Dmitri Medwedew warnte in einer Videobotschaft vor einer Verharmlosung des Faschismus. «In einigen Ländern gelten Nazi-Helfer gar als Helden. Solche Versuche einer Revision der Geschichte sind unzulässig», sagte das russische Staatsoberhaupt, das zur Gedenkfeier eingeladen war, wegen Terminschwierigkeiten aber nicht kommen konnte.

Am 27. Januar 1945 hatte die Rote Armee Auschwitz erreicht und etwa 7000 zumeist schwer kranke Überlebende befreit. Die Nationalsozialisten hatten in Auschwitz-Birkenau mehr als 1,1 Millionen Menschen ermordet, die meisten Opfer waren europäische Juden.

US-Präsident Barack Obama rief zum Widerstand gegen Antisemitismus und Ignoranz auf. In einer Videobotschaft an die Teilnehmer des Internationalen Holocaust-Forums in Krakau sagte er laut Polnischer Presse-Agentur PAP, die Menschen dürften niemals «die Rolle des passiven Zeugen des Bösen» akzeptieren. Papst Benedikt XVI. mahnte in Rom, der Holocaust zeige die Notwendigkeit des absoluten Respekts vor Menschenwürde und Menschenleben.

Der 86 Jahre alte Peres sagte in Berlin, die bedeutendste aller Lehren aus dem Holocaust sei für ihn: «Nie wieder. Nie wieder eine Rassenlehre. Nie wieder ein Gefühl von Überlegenheit.» Die Zahl der Holocaust-Überlebenden nehme täglich ab. «Und gleichzeitig leben auf deutschem Boden, in Europa und anderswo auf der Welt noch immer Menschen, die damals dieses schrecklichste Ziel verfolgten: den Völkermord.» Bei der Forderung nach Strafverfolgung gehe es nicht um Rache. «Es geht um Erziehung», sagte Peres vor allem mit Blick auf die junge Generation.

Eine Lehre aus dem millionenfachen Mord der Nazis an den Juden müsse sein: «Nie wieder dürfen blutrünstige Diktatoren ignoriert werden, die sich hinter demagogischen Masken verbergen und mörderische Parolen von sich geben», sagte Peres. Im Atomstreit mit dem Iran forderte der israelische Präsident eine international geschlossene Front gegen die Machthaber in Teheran. Das dortige Regime sei «eine Gefahr für die Welt».

Peres war der erste israelische Präsident, der am Holocaust-Gedenktag im Bundestag sprach. Unter den sechs Millionen Juden, die dem Völkermord der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, waren auch seine Großeltern und weitere Verwandte. Der 27. Januar wird seit 1996 auch in Deutschland als Holocaust-Gedenktag begangen.

Geschichte / Holocaust / Bundestag
27.01.2010 · 19:14 Uhr
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