Filmkritik - Opernfieber (2005)
 
 

Opernfieber

Regie: Katharina Rupp
Darsteller: Giuseppe di Stefano, Gustav Kuhn
Laufzeit: 71min
FSK: ohne Altersbeschränkung
Genre: Dokumentation (Deutschland, Schweiz)
Verleih: Salzgeber & Co. Medien
Filmstart: 06. Juli 2006
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Im richtigen Moment »Bravo« rufen, die Unentschlossenen zum Applaudieren bringen und die Stimmung anheizen – das ist die große Kunst der Claqueure. Zumindest sehen sie das so. Für andere sind sie aus glanzvollen Tagen übrig gebliebene Parasiten, die man bezahlen muss, damit sie einen nicht auspfeifen. Claqueure gab es immer und gibt es immer noch in allen großen italienischen Opernhäusern. Ihr Ruf ist berüchtigt, um sie ranken sich Geschichten und Mythen und viele halten sie immer noch für einflussreich und gefährlich. Ihre Methoden sind subtil, aber nicht zimperlich: in eine Arie hineinräuspern, husten, niesen, etwas laut fallen lassen, zu früh oder gar nicht klatschen, aber auch mit feurigem Applaus, Bravi-Rufen von den Rängen und brennender Begeisterung Karrieren befördern – allerdings nur wenn gezahlt wird. Üblich sind zwanzig Prozent der Gage, manchmal reicht aber auch ein Teller Spaghetti oder ein kleiner Obolus an die Armenviertel, aus denen viele der Claqueure kommen. Die Intendanten bestreiten, wenn man sie darauf anspricht, die Existenz eines solchen ‚Austausches’ – dennoch kommen die bezahlten Stimmungsmacher rätselhafterweise immer an Freikarten und manchmal wird ihnen sogar ein Flug gezahlt, damit sie ausgeruht und gnädig zur Vorstellung kommen. Katharina Rupp gelingt es, einen humorvollen aber auch präzisen Blick hinter die Kulissen der italienischen Opernhäuser zu werfen – und ihre ansonsten so verschwiegenen Gesprächspartner revanchieren sich für das Interesse der Regisseurin mit einem unbekannten Einblick in ihr Selbstverständnis und ihre Leidenschaft für die Oper. Der Film nimmt sie ernst – er stellt ihnen, wie im Fall des Claqueurs Alfredo, die große Bühne zur Verfügung, die sie sonst nur aus dem ersten Rang erleben und macht sie zu Hauptfiguren einer viel weiter gefassten Geschichte der Popularität dieser Kunstform in allen Teilen der italienischen Bevölkerung. Denn das offene Geheimnis der Claque ist nur eine Facette dessen, was es im Entstehungsland der Oper an Zwischenstufen zwischen den Künstlern und dem Publikum gibt: Z.B. die traditionellen Gegner der Claqueure, die ‚Loggionisti’, die sich als die wahren Opern-Bewunderer und -Experten begreifen und die für die Eintrittskarten ihren letzten Euro opfern. Diese Fanatiker des Dritten Rangs wie die ehemalige Sängerin Luisa Mandelli oder der Opernkulturverein in Parma, die in OPERNFIEBER über sich erzählen, kämpfen sowohl gegen die Claqueure, die ihrer Ansicht nach nur in die Oper gehen, weil sie umsonst hineinkommen, als auch gegen das moderne Regietheater, das sie über Gebühr von der Musik ablenkt und wegen dem sie die Aufführungen teilweise nur mit dem Rücken zur Bühne ertragen können. Schließlich spürt Katharina Rupp noch den »Club der 27« auf, einen Verein gestandener Männer, die ihre Mitglieder auf Lebenszeit nominieren und auf den Namen einer Verdi-Oper verpflichten. Und im leidenschaftlichen Wortgefecht zwischen »Die Räuber« und der »Macht des Schicksals« geht es dann zum Beispiel um die wichtige Frage, ob Mariella Devia gut genug ist, den Preis des Clubs für die bedeutendsten Verdi-Interpreten zu bekommen. Alle diese Opernliebhaber sind davon überzeugt, Diener einer guten Sache zu sein, ohne die der Theaterbetrieb allenfalls ein Champagner sei, der nicht sprudelt. Die Identifikation mit den Sängern geht weit über das Mitfiebern, ob eine Arie gelingt oder nicht, hinaus – manche Claqueure vermeiden es wie die Künstler, vor der Oper zu essen, andere geben sich selbst die Schuld an einer misslungenen Aufführung, wenn es ihnen nicht gelungen ist, das Publikum zu animieren. Es kommt vor, dass die Protagonisten zuhause vor der Musikanlage den Taktstock schwingen, weil sie sowieso jeden Ton der Oper kennen und wissen, wie er gespielt zu werden hat – es ist das Verdienst und besondere Vergnügen von OPERNFIEBER, ihnen einmal für 70 Minuten das Forum der großen Bühne zu geben, die ihnen ihrer Ansicht nach sowieso gebührt!

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