Filmkritik - Havanna - Die neue Kunst Ruinen zu bauen (2006)
 
 

Havanna - Die neue Kunst Ruinen zu bauen

DVD / Blu-ray :: IMDB (7,8)
Original: Arte nuevo de hacer Ruinas
Regie: Florian Borchmeyer
Darsteller: Antonio Jose Ponte, Totico Fernandez
Laufzeit: 97min
FSK: ab 6 Jahren
Genre: Dokumentation (Deutschland, Kuba)
Verleih: Raros Media
Filmstart: 29. März 2007
Bewertung: 10,0 (1 Kommentar, 1 Vote)
Cuba, im 47. Jahr der Revolution, ein Jahr vor den Feierlichkeiten zu Fidel Castros achtzigstem Geburtstag. Während sich der Líder Máximo scheinbar noch bester Gesundheit zu erfreut, sind in der revolutionären Hauptstadt Havanna die Spuren des Verfalls allerorts sichtbar. Einstürzende Bauwerke aus allen Epochen der cubanischen Geschichte finden sich an fast jeder Straßenecke. Was die Ruinen Havannas von denen anderer Orte wie Rom oder Athen unterscheidet: sie sind bewohnt. In HAVANNA – DIE NEUE KUNST, RUINEN ZU BAUEN gewähren uns fünf Ruinenbewohner Zugang zu ihrem Leben und ihrem Lebensraum. Im Wechsel erzählen diese Personen ihre eigene Geschichte, die eng mit der Geschichte ihres Wohnortes verbunden ist – und wie diese eine Chronik des Kamps gegen den Verfall und gegen die Ruinenbildung ist. Denn auch ein Mensch kann zur Ruine werden. In einem bereits vollständig eingestürzten Theater lebt der ehemalige Obdachlose Reinaldo. Seine Bemühung ist, in einem großen Bauwerk, das für Schauspieler und Publikumsmassen, nie aber für einen Bewohner entworfen wurde, sein Leben einzurichten. Doch die Geister der Schauspieler der Vergangenheit begleiten ihn in seiner Phantasie – insbesondere der des berühmtesten Künstlers, der im „Teatro Campoamor“ aufgetreten ist: der italienische Tenor Enrico Caruso. Reinaldo versucht, das Leben in einer Ruine als Normalität hinzunehmen – denn wenn er das nicht so sieht und seinen kritischen Gedanken freien lauf läßt, würde er verrückt, meint er. Dennoch sehnt er sich heimlich danach, seine Ruine verlassen zu dürfen. Das Zusammenleben mit einem Gebäude, das ihn in jedem Moment durch Einsturz töten könnte, hat ihn zu einer Art barocken Philosophen gemacht. Er ist besessen von der Idee der Endlichkeit und Vergänglichkeit aller Dinge: „Alles im Leben ist Lüge. Alles im Leben, so wie es gebaut wird, stürzt ein. Das Glück existiert nicht“, verkündet er resigniert. Einen Schimmer von Glück findet er allein in den streng beherrschten Bewegungen eines asiatischen Kampfsports namens „Tau Chi“, den er im fernöstlichen Kimono heimlich auf dem Balkon seines Theaters ausübt. Gegenüber vom Theater, mit Blick auf dessen eingestürztes Dach, wohnt Misleidys im obersten Geschoß eines ehemaligen Luxushotels. Auch sie träumt vom Theater, weil sie als kleines Mädchen Schauspielerin werden wollte und in den Kindertheatergruppen immer die Hauptrolle erhielt: die der „Rumba-Mulattin“, der „mulata rumbera“. Alles kam anders. Ihr Vater verließ die Mutter, mit der Ehe zerbrach die Familie, Misleidys geriet auf die schiefe Bahn und war lange Zeit drogensüchtig. Eines Tages allerdings lernte sie einen ausländischen Millionär kennen und heiratete ihn. Doch der steckte sie in einen goldenen Luxuskäfig mit Pool und Hubschrauberlandeplatz und behandelte sie wie eine Spielzeugpuppe. Misleidys flüchtete mit ihrem Jugendfreund Enrique in dessen leerstehende Wohnung im obersten Stock des Hotels Regina. Die ehemalige Hotel-Suite ist heute ein Schutthaufen mit einstürzenden Decken und Wänden, von denen Stücke in der Nacht herunterbrechen und die schlafende Misleidys zu töten drohen. Trotzdem will Misleidys, inzwischen um die 30, nicht ausziehen. Sie träumt von den Zeiten, als ihre Ruine einmal ein nobles Hotel mit einer legendären Nachtbar war. Ihre Wohnung verläßt Misleidys am liebsten gar nicht. Die dreckige Realität will sie nicht sehen. Sie blickt lieber den Vögeln über den Dächern Havannas nach. Weitaus weniger ruinös ist das Wohnhaus der Familie Del Campo, die am Rand der Stadt nahe einer großen Autobahn lebt. Der alte Patriarch der Familie, Nicanor del Campo, hatte in seiner Jugend zunächst Castros Revolution unterstützt und den Einmarsch der Guerrilleros in Havanna 1959 zunächst lautstark bejubelt. Als ihm klar wurde, daß Großgrundbesitzer wie er die ersten Opfer der Revolution sein würden, ging er nach Castros Machtergreifung in den Widerstand und arbeite an einer Verschwörung mit. Das Putschvorhaben wurde enttarnt, Nicanor entging nur knapp der Erschießung und wurde schließlich zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Während seiner Haft enteignete der Staat Nicanors gesamte Besitztümer. Da seine Frau Silvia aber weiter in ihrem ehemaligen Herrenhaus wohnte und dort allein die Kinder aufzog, ließen die Kommissare der Familie zumindest ihren Stammsitz. Dorthin kehrte Nicanor nach verbüßter Haftstrafe zurück und widmet sich seither eigenhändig den Resten dessen, was ihm geblieben ist: eine Kuh, ein Gemüsegarten und das Haus seiner Väter, das er seit einem halben Jahrhundert vom immer sichtbareren Verfall zu retten sucht. Einen hoffnungsvollen Ausweg aus der Ruine hat der Klempner Totico gefunden. Aufgewachsen ist er im Arbos-Gebäude, einer riesigen Mietskaserne im Zentrum der Stadt aufgewachsen, die einstmals von einem strikten Besitzer in Ordnung gehalten wurde. Als der Besitzer fort war, kümmerte sich niemand mehr um das Gebäude. Es verfiel und verwandelte sich zusehends in ein lärmendes Inferno. Davon will Totico nichts wissen. Die meiste Zeit verbringt er auf dem Dach seines Gebäudes und widmet sich seinem Hobby: der Taubenzucht. Totico wäre selbst gerne eine Taube – dann könnte er fliegen und die Ruinen seines Wohnorts hinter sich lassen. Doch die Flucht in seinen Traum ruiniert sein wirkliches Leben. Die Ehe mit seiner Sandkastenfreundin Magdalena zerbrach, weil er sich mehr den Tauben als den Menschen widmet. Nach der Trennung suchte Magdalena nach einem neuen Leben – fern der verfallenden Mietskaserne, fern der Ruinen ihrer Ehe. Doch in ihrem neuen Leben in dem Plattenbauviertel Alamar am Standrand, Resultat von Castros Vision des Wohnens in einer sozialistischen Gesellschaft, muß sie erkennen, daß auch die Neubauten schon zur Ruine werden: „Die Ruine kommt überall hin. Wer aus dem Arbos herauswill, muß in Alamar sterben.“ Als eine Art Ruinen-Reiseführer leitet der Schriftsteller Antonio José Ponte durch den Film. Er bezeichnet sich selbst als „Ruinologen“ – ein Beruf, bei dem man, wie er sagt, ständig versucht, die Ruinen zu erklären und in perverser Weise Freude an etwas findet, das verfällt. Ponte denkt unaufhörlich an die Ruinen. So träumt er von Thomas Mann und spinnt die Theorie, daß dieser heute nicht einen „Tod in Venedig“, sondern einen „Tod in Havanna“ geschrieben hätte: denn der morbide Charme Havannas wirkt heute auf die Nordeuropäer so wie vor hundert Jahren der Zauber der in der eigenen Lagune versinkenden Stadt. Neben dem Mannschen Helden, der nach Havanna kommt, um sich zu verlieben und durch eine einstürzende Ruine zu sterben, läßt Ponte aber auch den Philosophen Georg Simmel durch Havanna schreiten und dort eine Theorie der bewohnten Ruinen entwerfen. Doch durch seine Ruinologie ist Ponte selbst zur Ruine geworden. Da man dergleichen Theorien von staatlicher Seite aus nicht wünscht, wurde Ponte aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und darf in Cuba nichts mehr veröffentlichen. Er existiert nicht mehr. Zumindest offiziell. Er aber „ruinologisiert“ weiter – und wartet darauf, daß Fidel Castro, die „Große Ruine dieses Landes“, in sich zusammenstürzt. Trotz der Ruinen ihres Lebens und ihrer Häuser aber finden alle Figuren eine Flucht aus den Ruinen, die ihnen das Überleben ermöglicht: ob es die Tauben, die Literatur, die Vergangenheit sind - oder aber die pazifische Noni-Frucht, die alle Krankheiten der Welt heilt.

Kommentare

(1) k54926 vergibt 10 Klammern · 30. April 2007
Sehr informativer Dokufilm für fans von Havanna. Dieser Film darf in Cuba nicht gezeigt werden. Weil ein Mitbürger der in dem Film interviewt wird negativ über Fidel Castro erzählt. Als, wer Dokufilme, oder speziel Havanna liebt, sollte sich diesen Film unbedingt ansehen.
 

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