Filmkritik - Die Wolke (2006)
 
 

Die Wolke

DVD / Blu-ray :: IMDB (5,1)
Regie: Gregor Schnitzler
Darsteller: Paula Kalenberg, Franz Dinda
Laufzeit: 103min
FSK: ab 12 Jahren
Genre: Drama (Deutschland)
Verleih: Concorde Filmverleih
Filmstart: 16. März 2006
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Hannah ist blond, schlank und 16 und damit in einem Alter, in dem sie die Jungens vor allem doof findet, wenn sie dieses seltsame Kribbeln der Anziehung verpürt. Elmar ist dunkel, schlank und 18 und damit in einem Alter, in dem er vor allem wütend ist, wenn er ein Mädchen toll findet. Also sagt er meist nichts, wenn dieses fremde und unbeherrschbare Gefühl ihn erfasst. Klar, dass Hannah Elmar misstrauisch beäugt, einen besseren Anfang für eine wunderbare Liebesgeschichte kann es nicht geben. Und klar, dass Elmar vor allem wütend ist, weil er an Hannah auch dann denken muss, wenn er nicht an sie denken will. Das Leben ist schrecklich, es ist chaotisch, es ist voller Verletzungen, es ist wunderbar. Die Katastrophe in Tschernobyl ist 20 Jahre her – und viele werden sie vergessen haben. Die Katastrophe in Harrisburg ist 26 Jahre her – und kaum einer wird sich noch an die Details erinnern. Ob Hannah und Elmar, die beiden Protagonisten des Films „Die Wolke“, die Einzelheiten dieser beiden bisher schlimmsten Atomunfälle kennen, kann man nicht genau sagen. Warum sollten sie auch, sie haben anderes und Wichtigeres im Kopf: ihre Rolle in ihrem noch jungen Leben, den Stress mit Eltern und Lehrern, und vor allem dieses verstörende Gefühl der ersten Liebe. Aber sie sind wach, intelligent, einfallsreich und neugierig, und das spricht dafür, dass sie um die Gefahren der Kernkraft wissen. Und sie leben in der Nähe des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld, in dem kleinen Ort Schlitz circa 100 Kilometer nördlich von Frankfurt, das müsste sie sensibilisiert haben. Aber muss das wirklich etwas heißen? Fast jeder in Deutschland lebt irgendwie in der Nähe eines Atomkraftwerks, es gibt immerhin noch 17, die in Betrieb sind. In latenter Gefahr lebt also jeder. Weiß er deshalb, mit einer Atomkatastrophe umzugehen? An dem Tag, an dem das Unglück passiert, bricht einiges über Hannah herein. Zum einen muss ihre Mutter Paula – chao¬tisch, liebenswert, alleinerziehend und damit latent überfordert – zu einem Kosmetikkongress nach Schweinfurt, und so hat Hannah nicht nur ihr eigenes Gefühlschaos am Hals, sondern auch noch ihren kleinen Bruder Uli, der wie jeder Siebenjährige nur Unsinn in seinem Dickschädel hat. Zum zweiten passiert das Unglaubliche: Elmar nimmt sie das erste Mal in den Arm, küsst sie ganz vorsichtig und zärtlich. Und sie versteht das erste Mal, was das bedeuten könnte, den Himmel auf Erden zu haben. Da zerreißt der grässliche Ton einer Alarmsirene die Idylle, alle halten es für eine Übung, nur Elmar, der kleine Einstein, ahnt das Schreckliche... Wohl jeder weiß seit Hiroshima, welch verheerende Wirkung Radioaktivität hat, weiß, was es bedeutet, dem atomaren Fallout ausgesetzt zu sein, hat schon einmal von Halbwertzeiten, der Zerstörung roter Blutkörperchen und dem erhöhten Knochenkrebsrisiko gehört. Aber kaum einer kann sich vorstellen, was tatsächlich passiert, wenn durch einen Störfall in einem Kraftwerk eine radioaktive Wolke austritt. Hannah erlebt es ebenso wie Elmar an diesem Tag, der so wunderbar begonnen hat, und durch ihre Augen, aus ihrer unschuldigen Perspektive sind wir Zeugen dieser Auflösung jeglicher Ordnung, denn selbst Polizei und Sicherheitskräfte können das Chaos nicht bändigen angesichts dieser radioaktiven Wolke, die drohend näher und näher kommt, nachdem sie durch einen Störfall aus dem Kernkraftwerk Grafenrheinfeld ausgetreten ist. Die Menschen aus Schlitz und den umliegenden Orten versuchen zu fliehen, für die meisten ist der Bahnhof von Bad Hersfeld das einzige Tor zur Rettung. Elmar hat Hannah noch während des tumultartigen Aufbruchs vor der Schule zugerufen, sie mit dem Auto zu Hause abzuholen, doch als er dort ankommt, ist sie schon fort. In der allgemeinen Panik hat Hannah sich mit Uli aufs Fahrrad geschwungen und ist losgeradelt. Und sie gerät in einen Sog des Schreckens, der sie an die Grenze des Erträglichen führt: Ihr kleiner Bruder Uli gerät in Lebensgefahr. Am völlig überfüllten Bahnhof von Bad Hersfeld werden Polizisten von aufgebrachten Menschen entwaffnet, Anarchie greift um sich, es gibt kein Halten mehr, jeder ist sich selbst der Nächste – und mittendrin Hannah, voller Schmerz und am Ende ihrer Kräfte. Von der Mutter keine Spur, niemand, der ihr helfen kann oder helfen mag in der Nähe, sie verzweifelt, Tränen im Gesicht, sie kann nicht mehr, sie gibt sich auf, und alles wird schwarz... Als sie die Augen wieder öffnet, liegt sie in einem Krankenbett, in einem Sanatorium, um sie herum andere Kinder, die ebenfalls radioaktivem Fallout ausgesetzt waren. Sie hält die Augen geschlossen, schaut nur, wenn niemand zu ihr blickt. Kinder, von der Kontamination gezeichnet, spielen, wie eben Kinder spielen. Ärzte und Pfleger und Krankenschwestern bemühen sich, das Leben dieser jungen Menschen zu retten, mit allen Engpässen, denn die Katastrophenschutzpläne haben diese Apokalypse nicht ansatzweise voraussehen können. Hannah schweigt, ihr Schmerz und ihre Verzweiflung haben sie stumm gemacht, doch irgendwann öffnet sie sich, und sie lernt, mit ihrem kranken Körper und der Kahlköpfigkeit zu leben, obwohl sie sich innerlich längst aufgegeben hat. Und just in dem Moment, als sie alle Erinnerungen an ihr einstiges Leben zerstören will – steht plötzlich Elmar in dem riesigen Krankensaal. Ihre erste große Liebe. Unvorstellbar. Sie schauen sich lange an, können es nicht fassen – und umarmen sich schließlich ganz fest, und man sieht, sie wollen sich nie mehr loslassen. Er ist gesund, im letzten Moment davongekommen, doch seine Liebe zu ihr ist so stark, dass er bleibt. Und sich selbst damit in Lebensgefahr bringt. Denn jetzt ist auch er kontaminiert. Wie die Geschichte ausgeht? Voller Hoffnung, wenn auch nichts beschönigend. Liebe versetzt Berge, heißt es. Wenn sie das nicht vermag, weil der Feind, diese unsichtbare Radioaktivität, übermächtig ist, so hilft sie doch, die äußeren Widerstände zu überwinden und erträglich zu machen. Innerlich sind bei beiden eh alle Dämme gebrochen, es ist ihnen egal, was Eltern oder andere sagen, und als am Ende Hannah mit Elmar und in einem alten klapprigen Auto in die Welt aufbricht, da schiebt sie ihren gezeichneten Körper durch das Schiebedach und streckt ihren kahlen Kopf lächelnd und glücklich der Sonne entgegen. Sie weiß, sie hat es eben gefühlt, dass die ersten Haare wieder gewachsen sind. Also lässt sie sie flattern im Wind...

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