Filmkritik - Die chinesischen Schuhe (2004)
 
 

Die chinesischen Schuhe

DVD / Blu-ray :: IMDB (6,0)
Regie: Tamara Wyss
Darsteller: ?????
Laufzeit: 104min
FSK: ???
Genre: Dokumentation (Deutschland)
Verleih: Piffl Medien
Filmstart: 09. Juni 2005
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Fern von einem politischen Pamphlet hat sich die Filmemacherin Tamara Wyss mit Die chinesischen Schuhe auf eine faszinierende filmische Reise über den Jangtse-Fluss begeben: eine Staunen machende Entdeckungsfahrt durch ein China zwischen jahr-tausendealter Tradition und atemloser Moderne. Gedreht im Spätsommer 2002, wenige Wochen vor der Flutung der Drei Schluchten, trifft die Au-torin überall auf Zeichen eines großen äußeren Umbruchs. In dieser Situation stellt der Film Fra-gen nach dem Umgang mit der Vergangenheit. Er verknüpft die beiden Zeitebenen, die Gegenwart und die Vergangenheit, durch Schauplätze, durch Menschen, und ihre Geschichten, mit Bildern oder Musik. Tamara Wyss arbeitet mit ruhigen, langen Einstellungen, sie nimmt sich Zeit für Begegnungen, der Kommentar ist sparsam und beschränkt sich auf Persönliches und die Geschichte der Grosseltern. Hedwig und Fritz Weiss lebten und reisten am An-fang des 20. Jahrhunderts in China. Fritz Weiss ist Konsul für das deutsche Kaiserreich, Hedwig Weiss eine abenteuerlustige Frau, die schon immer von zu Hause weg wollte und neugierig ist auf ein exotische Land. Frisch verheiratet machen sie sich auf den Weg zur neuen Dienststelle im entlegenen Westen Chinas. Fritz Weiss hält als Konsul, und das ganz wörtlich, die deutsche Fahne in diesem entlegenen Winkel Chinas hoch. Aber ihr eigentliches Interesse gilt etwas ande-rem: Sie wollen Land und Leute kennen lernen, in unbekannte Gegenden vordringen und Abenteuer erleben. Interessiert an den technischen Errungen-schaften ihrer Zeit, haben sie Kameras dabei, auf einem der ersten Edison Phonographen nehmen sie Lieder der Jangtse Treidler auf. Sie er-leben eine Zeit, in der sich politisch vieles ändert: das Ende des Kaiserreiches, die ersten Jahre einer zum Untergang bestimmten Republik. Die Autorin folgt der Route der Großeltern. Sie bit-tet um Auskunft zu den alten Fotos, sucht Orte, trifft auf Menschen, die die Nachfahren jener sein könnten, die auf den alten Fotografien zu sehen sind. Sie gewinnt Einblick in die Vergangenheit, und in ihr gegenwärtiges Leben. Alles scheint in Be-wegung, nicht nur die Flusslandschaften die an uns vorbeiziehen. Alte Städte werden abgerissen, neue gebaut, ein Fluss wird verschwinden, Menschen sie-deln um, neue Wirtschaftsformen zwingen Menschen zum Aufbruch, Lebensformen ändern sich ebenso ra-dikal, wie es zu Zeiten der Großeltern der Fall war. In der ersten Hälfte des Filmes fahren wir den Fluss hinauf – es ist der letzte Sommer vor der Fer-tigstellung des Drei Schluchten Staudamms. Die letzten Häuser werden abgerissen, die Wenigen die noch nicht umgezogen sind, müssen es jetzt tun. Ehe-malige Bootsleute und Treidler müssen nach neuer Beschäftigung suchen müßen. Eine Gruppe von ihnen hat ihre Erfahrungen zu einem Thea-terstück für Touristen verarbeitet. In der zweiten Hälfte des Filmes begeben wir uns in die Großtädte Sichuans: Chongqing und Chengdu. Was in den Drei Schluchten als Folge der technologischen Entwicklung erst erwartet wird, ist in den rastlosen Metropolen Teil bereits eingetreten. Eine Moderne, die die erstaunlichen Fundamente chinesischer Geschichte zu überlagern scheint. Wir begegnen dem Architekten des Mao Denkmals in Chengdu, der verschmitzt von den damaligen Vorgaben für das Bauwerk redet, das wohl immer Zentrum Chengdus bleiben wird. Ein Rechtsanwalt, der die Geschcihte seines eigenen Großvaters recher-chiert, gewährt uns einen Einblick in die kurzen Momente der Mehrparteiendemokratie nach der ersten chinesischen Revolution im Jahr 1911. Frauen treten unmerklich ins Zentrum des Films, sie sind Bauleiterinnen, Rentnerinnen und Laden-besitzerinnen, sie reden mit großer Offenheit über ihr persönliches Leben, ihre derzeitige Situation und ihre Zukunftswünsche. Der Ältesten, der 110 jäh-rigen Zhang Zhenhua, zeigt der Autorin jenes An-denken, das ihre Grosmutter aus einer Zeit mitbrachte, in der beide Frauen jung waren und sich doch nie begegnen konnten: Die chinesischen Schuhe.

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