Filmkritik - Der Photograph (2006)
 
 

Der Photograph

Regie: Jürgen Heiter
Darsteller: Benjamin Katz, Georg Baselitz
Laufzeit: 134min
FSK: ???
Genre: Drama (Deutschland)
Verleih: Real Fiction Filmverleih
Filmstart: 29. März 2007
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Der Filmemacher porträtiert elektronisch mit der DV-Kamera einen Photographen, der analog Bildermacher porträtiert. Gleich zu Anfang des Films sieht man die Hände des Photographen, aus einem himmelblauen Hemd herauslugend, auf einem roten Tischteppich den Film in einen schwarzen Photoapparat einlegen. Wir wissen nun, worum es geht: um das Handwerk des Porträtisten, des Photographen, des Filmemachers. Mit Diskretion und Anteilnahme porträtiert Katz "seine" Künstler, mit denen er schon lange befreundet ist. Georg Baselitz zum Beispiel: Wir sehen beide in Italien, Imperia, Ligurien, Villa Faravelli. Dort wurden beide zusammen 2005 mit einer Ausstellung geehrt. Jürgen Heiter porträtiert Benjamin Katz mit "Katz´schen" Mitteln des aufmerksamen Nichtvorhandenseins. Katz scheint nur am Rande in Erscheinung zu treten. Jonathan Meese erscheint mehrmals inmitten einer seiner wagnerianischen Bilderflut-Installationen – kurz sieht man die fotografierenden Hände von Katz wieder. Während Meese "teutsche" Mythen- Texte deklamiert, hebt er die Hand zum Hitlergruß. Im Hintergrund erscheint Katz und macht auch grinsend den Hitlergruß. Aber man sieht Katz auch durch Brüssel fahrend im Auto, als Beifahrer begleitet von der Handkamera. Und Katz zeigt, wo Marcel Broodthaers wohnte, den er in den 60ern in seiner Berliner Galerie ausstellte. Bei dieser Brüsselfahrt erzählt er auch, dass seine jüdischen Eltern nach Brüssel emigrierten, dass der Vater in einem französischen Gefangenenlager starb, und wie er mit seiner Mutter durch die Hilfe liebevoller Menschen in Brüssel überlebte. Der Film ist in 20 Teile gegliedert, die sich nebeneinander fügen – ohne dramatische Zuspitzung. Die unterschiedlichen Verfahrensweisen der Kamera, feste Einstellungen und extreme Handkamera, schaffen ein sehr situatives Bild, dem Film-Moment entsprechend. Sehr ruhige intensive Augenblicke, statische Aufnahmen in einem Atelier: Markus Lüpertz, weißbärtig, räsonierend über seine Bekanntschaft mit Katz, sitzt an einem Katzentischchen, weit über seinem Kopf schwebt eine helle Fensteröffnung über der Dunkelheit des Raums. Katz´ Schwarz-Weiß-Porträts können sehr leicht und heiter, humorvoll sein. Komplizenhaft. Eine solche Atmosphäre baut eine wunderbare Situation im Film auf: Zwei Gestalten, gekleidet in weiße nichtssagende Frotteebademäntel, trinken gemeinsam Rotwein. Dieses Vergnügen wird stark behindert durch Masken, die die beiden vor ihren Gesichtern tragen. Die Foto-Masken tragen die Gesichtszüge von Rosemarie Trockel und Benjamin Katz, die hinter den Masken, die sie vertauscht haben, versteckt sind. Frau Trockel trägt die Gesichtszüge von Herrn Katz (die Maske Katz), Herr Katz trägt die Gesichtszüge von Frau Trockel (die Maske Trockel). Das ganze aussichtslose Unterfangen des Rotweintrinkens (es existieren einfach keine Münder in den Masken) wird durch eine kolossale Rotweinkleckerei auf den langweiligen Bademänteln begleitet. Die Masken machte Rosemarie Trockel. Die einzige weltbekannte Künstlerin in dem Film – neben all den berühmten Künstler-Männern – verschwindet hinter einer Maske. Cony Theis, eine in Köln lebende Künstlerin, sieht man von hinten. Sie darf mit dem großen Baselitz über die großen Irrtümer der Kunst reden – nämlich Baselitz` Irrtum, dass es nicht notwendig sei, nach der Natur zeichnen zu können, während Benjamin Katz lieb darauf hinweist, dass Cony Theis sehr schnell eindrücklich Menschen porträtieren kann. Vor diesem Bildeindruck sah man Cony Theis einen klitzekleinen Tanz auf einer Veranda tanzen. Benjamin Katz liegt im weißen Oberhemd im Bett unter einer dümmlich hellbunten Bettwäsche und spielt an einem Weltempfänger herum. Der Filmemacher Werner Nekes erläutert die Vorzüge und Eigenheiten der Lochkamera in einem Raum gleich einer Riesenlochkamera. Der legendäre Berliner Galerist Rudolf Springer erzählt aus den Begegnungen der frühen Galeristenjahre. Das jazzige Trio Blank (Rüdiger Carl, Oliver Augst, Christoph Korn) bearbeitet ihren elektronisch verstärkten Plattenspieler. Anna Blume verdeckt nagelnd einen Schriftzug mit Pappe, während Bernhard J. Blume, ihr Mann, den Sinn der frühen (fliegenden) Vasen-Arbeiten erläutert. Ab und zu schreibt Benjamin Katz einen Satz auf ein Blatt Papier, in ein Heft, pro Seite einen Satz mit einem dicken fetten schwarzen Filzstift: "Kaum hatte ich die Grenze überschritten, kamen Gespenster mir entgegen."

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