Filmkritik - Archie Shepp: Quartet Part 1 (1977)
 
 

Archie Shepp: Quartet Part 1

DVD / Blu-ray :: IMDB (5,8)
Regie: ?????
Darsteller: Archie Shepp, Siegfried Kessler
Laufzeit: 61min
FSK: ???
Genre: Musik (Italien)
Filmstart: 01. Januar 1977
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
In den 70er Jahren, als das vorliegende Konzert in Turin aufgezeichnet wurde, war Archie Shepp häufig Gegenstand der Diskussion unter Jazzfreunden: Im Verlauf des Jahrzehntes wurde man sich zunehmend eines tiefgreifenden Wandels in Musikauffassung und Erscheinungsbild jenes Mannes bewußt, den man so lange vor allem als Inbegriff schwarzen Widerstandes erlebt hatte. Der Künstler, der früher in afrikanischen Gewändern den Stolz auf seine Hautfarbe dokumentiert und seinen Protest gegen die Unterdrückung seines Volkes in das Publikum geschmettert und dabei auch musikalische Konventionen gesprengt hatte, trug nun zeitlose Anzüge und hatte seine freie Spielweise zugunsten einer „konservativeren“ Interpretation mehr oder weniger bekannter Stücke der Jazz-Tradition aufgegeben. Es konnte nicht ausbleiben, daß die einen die Entwicklung bedauerten, die anderen feierten. Von Müdigkeit, Resignation, gar von Unterwerfung unter das befehdete Establishment war ebenso die Rede wie vom begabten jungendlichen Berserker, der endlich erwachsen und reif geworden sei und nun überhaupt erst anfange richtig Musik zu machen. Eine dritte Gruppe registrierte natürlich nicht ohne Häme, man hätte schon immer gewußt, daß Shepp „nicht richtig“, „nicht normal“ spielen könne, denn Shepps Traditionspflege stand und steht heute noch quer zu jeder konventionellen, „musealen“ Spielauffassung. Nun, Shepp, hat Freunden und Gegnern die Beurteilung nie leicht gemacht, und ist allen Diskussionen zum Trotz seinen Weg – durchaus gradlinig und konsequent – vorangeschritten, der ihm schon in seiner Jugend einen unübersehbaren Platz unter den Großen der Jazzgeschichte eingebracht hat. Auch wenn es von ihm am wenigsten erwartet wurde: Shepp ist wahrlich nicht der erste Musiker, dessen Werk aus einer Sturm-und-Drang-Phase in eine eher klassizistische Periode einmündete. Die Trendwende, wenn man den geschilderten Prozeß wirklich so bezeichnen möchte, war wohl unvermeidlich gewesen, denn weiter als Shepp in den 60er Jahren konnte man die Radikalität der musikalischen Mittel und die Schärfe des Protestes kaum treiben. Jedes Extrem ruft einen natürlichen Pendelschlag in die andere Richtung hervor. „Als ich Free Jazz spielte, freute das viele Kritiker. Aber das ist eine Musik, die so gut wie nie von Schwarzen gehört wurde. Als ich mich dann stärker an meine Leute richtete, ging das Gemecker los, mein Publikum war nämlich vollkommen weiß. Hinzu kommt, dass ich schon immer eine deutliche Message an Afroamerikaner hatte und bis heute habe, sie jedoch nie erreichte“ brachte Shepp in einem Gespräch mit Christian Broecking ein Problem auf dem Punkt, mit dem er um 1970 nicht allein dastand. Wenn ein intellektueller Avantgardist Zielgruppen erreichen möchte, die ganz andere musikalische Vorlieben haben, ja sich ihm gegenüber vielleicht sogar ablehnend verhalten, dann muß seine Existenz, wenn er seine Bindung zu ihnen aufrecht erhält, notwendigerweise in eine Krise geraten. Sprich: Die schwarze Arbeiterschaft sah eher in der Musik eines James Brown oder anderer populären Größen von Musikformen wie R & B und Soul als im Free Jazz eines Shepp ihr Sprachrohr, ganz so wie die jungen Weißen eher im Folk Rock als in Jazzformen ihren Protest artikuliert fanden. Shepps stärkere Akzentuierung seiner schwarzen roots, denen schon immer in seiner Musik zentrale Bedeutung zukam, die Neigung zu „volkstümlicheren“ Spielformen, bedeutet nichts weniger als das dezidierte Festhalten an seiner Gemeinschaft. Shepp sieht sich aus seinem Gemeinschaftsverständnis heraus übrigens auch nicht als Künstler, denn er ist der Meinung der westliche Künstlerbegriff impliziere die Trennung von jeglicher community. „Der neue Jazz ist nichts anderes als der Jazz von einst. Es gibt nichts wirklich neues in ihm, wenn man von einer Botschaft absieht die vor der heutigen Zeit nicht hätte formuliert werden können. Diese Botschaft ist die Wahrheit. Er erzählt vom Leiden eines Volkes. Er spricht von Emanzipation, der Zerstörung der Ghettos, vom Faschismus. Ich bin ein schwarzer Jazzmusiker, ein schwarzer Familienvater, ein Antifaschist. Ich bin entrüstet über den Krieg, Vietnam, die Ausbeutung meiner Mitbrüder und meine Musik erzählt all dies, “ hatte schon der junge Shepp verkündet. Man sollte auch den ersten Teil ernst nehmen. Es wäre völlig verfehlt, wollte man wie manche (weiße) Kritiker gar von einem Bruch Shepps mit seiner musikalischen Vergangenheit sprechen. Dabei muß man kaum an die Tatsache erinnern, daß Shepp vor seiner Zeit als Avantgardist R & B und modernen Jazz spielte, sogar mit späteren Berühmtheiten wie Lee Morgan. Betrachtet man musikalische Revolutionäre näher, so offenbaren sie – das ist bei Archie Shepp nicht anders als bei Arnold Schönberg - durchaus konservative Züge. Viele Musiker – so auch Shepp - erreichten ihre umwälzenden Wirkungen dadurch, daß sie nicht die Stilmittel der Väter-, sondern der Großväter-Generation aufgegriffen. Mit seinem expressiven, an Nebengeräuschen reichen Sound orientierte sich Archie Shepp nicht an den Tenoristen des modernen Jazz der 50-er Jahre. Er griff vielmehr auf den voluminösen, vibratoreichen und klangfarblich reicher abgestuften Sound der Tenoristen der Swing-Ära zurück und machte Veteranen wie Coleman Hawkins und Ben Webster zu seinen Idolen. „I play Hawk today“ – unmißverständlicher als Shepp selbst kann man es nicht formulieren. Dies war schon während der Brandung des Free Jazz der Fall, wurde nur in den 70-er Jahren in geänderter (nämlich gemäßigt moderner) musikalischer Umgebung offensichtlicher. Ebenso erlebte die Polyphonie der Stimmen, die für den New Orleans Jazz bestimmend gewesen war, bei Shepp und seinen Free-Freunden in den 60er Jahren eine Wiedergeburt unter neuen Vorzeichen: Die einzelnen Stimmen hatten zwar nicht mehr ihre festen Rollen wie in New Orleans, doch die Kollektivimprovisation war wieder da. Das 1977er Konzert mit Siegfried Kessler, Cameron Brown und Clifford Jordan, das nun in zwei Folgen veröffentlicht wird, ist bestens dazu angetan, die Kontinuität in Shepps Schaffen zu unterstreichen. Vieles von dem, was den Shepp der 60er Jahre ausmachte, findet sich auch hier, so die Verehrung seines Mentors John Coltrane, der Anschluß an die alte Schule der Tenoristen und die Bewunderung für das Song Book Duke Ellingtons und damit zusammenhängend für die Songs von dessen Alter Ego Billy Strayhorn, der „Lush Life“ komponierte. “Lush Life“ hat Shepp unzählige Male interpretiert; viele ausgedehnte Live-Versionen liegen seit seinem 1975er Konzert in Montreux auf Platte vor. In solchen Balladen-Interpretationen tritt die Bindung zu den großen alten Saxophonmeistern am stärksten hervor. Hier kann man nachhören was Shepp meinte, als er 1975 der italienischen Zeitschrift „Musica Jazz“ erklärte: „Für mich war die Spielweise Ben Websters die natürliche für das Tenor... Später hat mir Don Byas, ein wunderbarer Mann, der uns früh verlassen hat, viel gezeigt.“ Trotz ihrer Nähe zu Coleman Hawkins, dem Vater des Tenors, handelt es sich bei Webster und Byas nicht um identische Einflüsse. Bei Webster war der Sound fast alles. Er verlieh seinen Phrasen Tiefe und Sinn, ließ Empfindlichkeiten erkennen. Websters Tonsprache ist die einer unverstellt dargereichten, in der Musik unverhohlen ausgelebten Emotionalität. Websters Growls, seine mit viel Luft geblasenne Töne, seine mächtigen Vibratos kommen bei Shepp, in teilweise ungewohnter Verzerrung wieder, unterstreichen die hohe Emotionalität seines Spiels. Byas hatte einen runden, weicheren Sound, der auf Shepp weniger abgefärbt haben dürfte. Doch er war ein Balladen-Meister mit moderner harmonischer Hellhörigkeit, dessen „barocke“ Ausdrucksfülle sich in weit geschwungenen Linien voller Ornamentik niederschlug. Seine Spielweise, die den Bebop antizipierte, hinterließ Spuren bei jüngeren Tenoristen wie Lucky Thompson und Benny Golson, Musiker, die den jungen Shepp sicherlich beeindruckt haben. Sie standen für Bop, in dem etwas von der klanglichen Expressivität der Hawkins-Schule weiterlebte. Auch in Shepps Spiel lebt er weiter, doch in seiner ureigensten Phrasierung, in einer Spielweise, die man modernen Traditionalismus zugeordnet hat, wiewohl sie die Erfahrung der vorangegangen Free-Phase zwingend voraussetzt. In diesem Rahmen kann es freilich keine Kopie alter Meister geben, nur Hommagen in Shepps ureigener Phrasierung und Motivik. Es ist sehr interessant, daß Shepp hinsichtlich seines Sounds von John Coltrane wesentlich weniger geprägt wurde, und dies obwohl der Sound Coltranes mehrere Generationen von Saxophonisten geprägt hat, selbst solcher die ihm in vielerlei Hinsicht nicht folgten. Dabei war Coltrane für Shepp von zentraler Bedeutung: „Ich würde Coltrane als meinen Mentor bezeichnen, denn er war mehr als ein Lehrer. Es war wertvoll, ihn als Person zu kennen, er war jemand, der viel gab. Von ihm lernte ich was ich auch von meiner Mutter lernte: Er vertiefte mein Verständnis davon, anderen etwas zu geben.“ Ein Tribut an Coltrane ist das Eröffnungsstück des Turiner Konzertes: „Message from Trane“ wurde von Cal Massey komponiert, der zwar als Trompeter weniger bekannt wurde, als Komponist aber erfolgreich sowohl mit „Trane“ als auch mit Shepp zusammenarbeitete. Als Shepp durch Coltranes Vermittlung zum legendären Plattenlabel „Impulse!“ kam, spielte er als erstes das Album „Four For Trane“ ein. Als Coltrane starb erinnerte er mit dem Werk „One For Trane“ an den einflußreichsten Saxophonisten der Ära. Coltrane bedeutet fast jedem lebenden Saxophonisten viel, aber jedem etwas anderes. Was man als seine Message empfindet, das verrät freilich über den Saxophonisten mindestens so viel wie über Coltrane. „Der spielte wie ein Besessener. Keiner kam da ran, keiner hat das bislang geschafft. Er spielte mit einer unvergleichlichen Energie, dieser totalen Komplexität, die wir spirituell nennen. Seine musikalische Sprache hatte eine explizit politische Dimension, sie vermochte auszudrücken, was die Realität der Schwarzen in den Sechzigern war. Das wird aber bis heute unter den Teppich gekehrt“, erklärte Shepp 1993: „Entweder ist der Neger Entertainer oder Künstler; das ist die weiße Art mit uns umzugehen, die weiße Wahrnehmung. Nur keine Politik. Coltrane lehnte es ab, einem weißen Interviewer etwas über Politik zu sagen. Aber er sagte seine Meinung, glauben Sie mir, irgendwo anders mit anderen Mitteln, und einige haben ihn auch verstanden. Seine Message war politisch, er war kein Politiker, sondern ein Musiker im revolutionären Sinne. Das ist meine eigene Interpretation. Wenn wir uns unterhielten, sprachen wir nie über Politik.“ Im Gespräch mit Christian Broecking fällt auch der fast erschütternde Satz: „Die Tradition der Black Music ist für mich mit Coltrane zu Ende gegangen.“ Ob man diese Ansicht nun teilt oder nicht, Archie Shepp spielt und wirkt heute immer noch.

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