Blog von geldboerse
 
Eintrag #3, 17.09.2005, 13:12 Uhr

langer vormittag

als calvin um 07.35 uhr vor die tür des fünfgeschossigen miethauses trat, um seinen neuen lebensabschnitt zu beginnen, von dem er sich wünschte, dass dieser so schnell wie möglich wieder abgeschlossen sein mochte, blinzelte ihm ein warmer sonnenstrahl ins gesicht. dieser versuch von mutter natur, die stimmung ihres sohnes calvin ein wenig zu erhellen, mündete in einem für diese uhrzeit revolutionären gedanken. "was soll ich da eigentlich? so ein blödsinn? nur, weil irgendein offensichtlich fehlerhaftes computerprogramm, welches von offensichtlich mit ihrer aufgabe überforderten entwicklern produziert und dann noch von eindeutig unmotivierten, sturköpfigen und unfähigen sachbearbeitern bedient wurde, die entscheidung getroffen hat, dass ich an diesem mist teilnehmen soll, muss ich das auch tun? ich kann das einfach nicht glauben!". calvin schüttelte noch ein paar mal mit dem kopf, bevor er sich auf sein fahrrad schwang und in die richtung des ortes fuhr, der für die nächsten 12 wochen sein arbeitsplatz sein sollte.
er war kurzfristig in eine "trainingsmaßnahme" gesteckt worden, die mit staatlicher unterstützung dafür sorge trug, dass jobsuchende akademiker wieder in lohn und brot kamen. das durchführende institut lobte sich bei einem im vorfeld erfolgten informationsgespräch selbst in den höchsten tönen mit erfolgszahlen von 80 bis 90 prozent. da calvin selber gerne im alltag mit prozenten und statistiken gedankenexperimente durchführte, wurde er natürlich schon damals bei den vom institut vorgelegten zahlen hellhörig und aufmerksam. er kam aber sehr schnell zu der einsicht, dass sich die rechenspiele des instituts nicht wesentlich von denen unterschieden, die er immer häufiger in tageszeitungen und wirtschaftsmagazinen lesen konnte, wenn es um wachstum, märkte, prognosen und tendenzen ging. "immer höher, schneller, weiter! naja, solange die mir das jetzt nicht vorrechnen wollen, werde ich sie auch nicht ins offene messer laufen lassen. werde morgen mal mit der dame vom amt sprechen, wie ich aus der sache hier wieder raus komme." dachte er damals noch bei sich.
am institut angekommen, suchte er das sekretariat auf, wo man ihm mitteilte, dass er sich bei mrs. canary im raum 424 melden solle. melissa canary war ca. 165 zentimeter gross, hatte schwarze, auf ihren schultern aufsetzende glatte haare und trug eine messingfarben bis golden glänzende lesebrille auf dem kopf. gekleidet war sie wie viele frauen im alter von 45 jahren. irgendwie wusste calvin sofort, dass diese frau eine gescheiterte ehe hinter sich und einen sohn in seinem alter oder vielleicht etwas jünger hatte. als er durch die tür des büros trat, begrüßte sie calvin mit hoher, freundlicher, sehr klarer stimme. "guten morgen, sie sind herr?" - "morgen. cash, calvin." murmelte calvin zurück. "ah, ja. hier haben wir sie. cash, calvin. achtundzwanzig." mit einem fast mütterlichen lächeln wendete sie sich an calvin "mein sohn ist 24 und studiert das gleiche wie sie. kennen sie ihn vielleicht, er heisst richie?" - "nein, tut mir leid." - "nein? schade! naja, ich gebe ihnen mal ihre unterlagen. einen teil brauche ich unterschrieben wieder zurück. geben sie es einfach zum mittag hier rein." mrs. canary lächelte immer noch. dieses mal hatte calvin allerdings den eindruck - eigentlich wusste er nicht, welchen eindruck er jetzt hätte haben sollen. dieses lächeln und den blick kannte er nur aus diversen filmen, die seine freundin immer sonntagabends zur besten sendezeit anschaute, wenn sich calvin bei freunden und bekannten zum wochenendeausklangsbier einlud, um zum einen die kontakte zu pflegen und zum anderen der situation zu entgehen, diese filme mit ansehen und im anschluss eventuell noch auswerten zu müssen. für ihn waren die filme schund und er glaubte, das strickmuster einer jeden story nach spätestens zehn minuten erkennen zu können. manchmal, wenn er sontags zu hause blieb, machte er sich den spass, seine freundin damit zu ärgern, dass er sich den film mit ihr gemeinsam anschaute, seine analysen und bisher gemachten erfahrungen abrief, um ihr dann im vorfeld einer bestimmten szene des films zu sagen: "pass auf, gleich rennt er mit einer anderen rum, bei der sich dann herausstellt, dass es seine schwester ist. seine bekanntschaft wird bestimmt eifersüchtig auf die schwester, weil sie ja noch nicht weiss, dass es nur die schwester ist. danach ist wieder hinterherlaufen und das ganze zeug. frag mich ruhig, wie der film ausgeht. ist doch immer das gleiche." der blick von mrs. canary erinnerte ihn sehr stark an die blicke der darstellerinnen in diesen filmen.
die nächsten vier stunden machte sich calvin ausschliesslich gedanken darüber, ob er wirklich gesehen hatte, was er gesehen hatte oder ob er eventuell noch zu müde für die einschätzung der situation gewesen ist, denn 08.00 uhr empfand er für das einschätzen von situationen als erheblich verfrüht. er beschloss, einfach bei der nächsten begegnung etwas genauer hinzusehen.

... to be continued ...
 

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