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Eintrag #1, 17.01.2005, 18:17 Uhr

Geschichtsstunde

Ich bin Deutscher. „Wessi“. Niedersachse. Südniedersachse.
Christ. Christ evangelischer Konfession. Aber eigentlich eh nur selten in der Kirche.
Hier bin ich, das bin ich, hier war ich schon immer und das war ich schon immer.

Ich bin immer zuallererst für meinesgleichen. Deutsche, „Wessis“, Niedersachsen, Südniedersachsen. Christen, Evangelische Christen,  insbesondere Leute mit leichten Hang zum Atheismus.

Aber halt - kann ich mir das ganze wirklich so einfach machen?

Meine Großeltern väterlicherseits sind evangelisch. Meine Großmutter mütterlicherseits ist konfessionslos. Mein Grovater mütterlicherseits ist katholisch. Sein Vater war Jude.
Eine meiner Urgroßtanten überlebte das Konzentrationslager. Einer meiner Urgroßväter erhielt das eiserne Kreuz. Sein Bruder starb an der Ostfront; wenige Wochen zuvor hatte er noch Heimaturlaub gehabt, und seine Verlobte geheiratet. Er hinterließ außerdem ein kleines Kind. Mein Großvater väterlicherseits geriet als gerade 18-jähriger Bursche vom Lande in russische Gefangenschaft.
Am Ende des Krieges wurden meine Ahnen aus Schlesien vertrieben. Die Juden ebenso wie die Katholiken und die Protestanten. Sie flohen nach Sachsen und Niedersachsen, aber auch nach Australien und Israel.
Mein Urgroßvater, der hierher, in die Hildesheimer Gegend, kam, war nun also „Wessi“. Und ich bin es nun ebenfalls. Seine Schwester war nun plötzlich „Ossi“. Und ihre Nachkommen tragen nun das gleiche Etikett.
Die Familie meines Großvaters väterlicherseits lebte schon hier soweit ich dies zurückverfolgen kann. Aber irgendwann entschieden sich einige ihrer Verwandten auszuwandern. So ist meine Familie auch in die USA gekommen.
Die Freundin meines Onkels ist Polin. Gut möglich, dass noch ihr Großvater mit einer Waffe getötet wurde, die sein Großvater zusammengebaut hatte. Wofür er dann das eiserne Kreuz erhielt. Das seinen Bruder doch nicht wieder lebendig machen konnte.

Alles, was ich hier über meine Familie berichte, betrifft nur die, die seit etwa 1870 das Licht der Welt erblickt haben; weiter kann ich meine Familie nicht auf Anhieb zurückverfolgen. Wer weiß, was noch alles weiter in der Vergangenheit liegt, vor meinen Blicken verborgen?

Wer, was bin ich denn nun?

Wenn sich jeder Mensch nur ein Stündchen in seinem Leben die Zeit nehmen würde, über seine Wurzeln nachzudenken - würde er dann nicht zweimal überlegen, ehe er nach Kleinstaaterei und Abgrenzung verlangt, ehe er den Streit sucht, ehe er die Hand gegen seinen Bruder erhebt? Warum „Wessi“ oder „Ossi“ sein, wenn man Deutscher sein kann? Warum Deutscher sein, wenn man Europäer sein kann? Warum Europäer sein, wenn man Mensch sein kann?
 

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