Blog von Gorgobert
 
Eintrag #4, 17.03.2005, 19:40 Uhr

Geschichten aus dem Großhandel 1

Nach der wenig erfolgreichen Beendigung meines Studiums bin ich derzeit Azubi bei einem Großhandelsunternehmen. Geschichten aus dem Alltag passen hier wunderbar rein.

"Der Zuckerkranke"

Die anspruchsvollsten Kunden, denen man so begegnen kann sind neben den Profikunden, die jahrelang schon Stammkunden sind und daher eine besondere Behandlung erwarten, Rentner. Diese verwechseln nur allzu oft den Großhandel mit einem Supermarkt und haben vor allem absolut die Ruhe weg. Ein Paradebeispiel, nicht erfunden:

Damals in der Molkerei-Abteilung beschäftigt, war ich gerade dabei, Ware zu verräumen als mich ein Herr, Mitte siebzig, in Begleitung seiner Frau/Partnerin/whatever, jedenfalls gleichen Alters, von hinten verbal überfiel:
"Junger Mann!"
Halb geschmeichelt wegen der Titulierung als "jung"(Der Rest der Azubis meines Lehrjahres ist 19-20 Jahre alt, ich bin 28 und daher meist der alte Sack), halb ob der Lautstärke zu Tode erschreckt, fragte ich also den potentiellen Umsatzerzeuger wie ich ihm helfen könne. "Hamse nisch so Mollke-Drinks?" (Die Wiedergabe des rheinischen "l" ist leider mit der deutschen 102er-Tastatur nicht möglich, also begnüge ich mich mit kursiv. Kenner des Kölsch/Rheinisch/Bergischen wissen aber, dass man zur Artikulierung dieses Lauts seine Zunge extrem verformen und halb verschlucken muss) Zu diesem Zeitpunkt standen wir drei etwa eine Armlänge vor  4 Regalmetern Molke-Drinks der diversen Anbieter. Ich griff also ins Regal und holte ihm ein Fläschchen des gewünschten Produktes. Nach eingehender Wendung, Betrachtung und Studie des Objektes kam der gute Mann dann zu dem Schluss dass ihm die Geschmacksrichtung nicht zusagt, was er mit einem "Hamse nisch nochet andres davun?" akustisch umsetzte. "Natürlich", antwortete ich und zog einen der Kartons aus der Molkedrinksverkaufsfläche und hielt ihm den hin. Inhalt waren 6 verschiedene Sorten, er durchwühlte ihn während mir die Arme lang wurden, fand aber nicht was er suchte und bewarf mich mit den Worten "Tunse mir ma den Katong da auch". Kundenfreundlich wie ich bin, mach ich das, auch mit dem dritten und vierten Karton, wo tatsächlich dann eine Sorte zu finden war die dem Herren und seiner nicht weniger kritischen Begleitung zusagte. Er nahm drei Flaschen, legte sie in den Einkaufswagen, erst die erste, dann die zweite und dann- "Hönnse ma, da is ja Zucker drin!" Vorwurfsvoll hielt er mir die Flasche unter die Nase, wie Duncan seinem Mörder McBeth den blutigen Dolch unter die Nase gehalten hätte, hätte er die Chance gehabt. Kleinlaut gebe ich nur ein "Ja, sicher" von mir, völlig verwirrt und nicht sicher was der böse Onkel da mit mir anstellen wird. "Ja Jung, dat daaf isch doch nit! Isch han doch Zucker!" Wie konnte ich das vergessen, wo ich diesen Kunden doch schon die Ewigkeit von 5 Minuten kannte. Also die drei Flaschen eingesackt, den Karton mit den Diät-Molkedrinks aus dem Regal gezogen und wieder aussuchen lassen. Das ging sogar fixer als beim ersten Mal, ich war schon fast soweit, Erleichterung in Betracht zu ziehen, da sagt der Zuckerkranke doch: "Wissense wat, tunse mir doch nochen Zuckerdingens, schaden kannet ja nit."
Ich bin danach erstmal in die Pause gegangen.
 

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