Blog von doeter
 
Eintrag #2, 27.06.2005, 21:24 Uhr

Eine Stunde Wochenende

Da sitze ich nun an einem Freitagnachmittag um 17.35 Uhr im Flughafen Wien-Schwechat, genauer: in der Cafébar Ikarus im Flughafen Wien-Schwechat, und warte auf meinen Air Berlin Flug nach Düsseldorf. Ein ehemals volles großes Glas Ottakringer steht leer vor mir. Die ganze Woche über in Košice, wo das Bier nun wirklich lecker und billig ist, hatte ich nicht mit der Wimper gezuckt, wenn ich zu meiner Pizza obstinat Wasser bestellte. Einmal bekam ich tatsächlich Leitungswasser und nicht das durchaus von mir akzeptiert und bezahlt worden wärende Bonaqua. Aber das Leitungswasser war immerhin umsonst.

Aber jetzt, aber hier, da ich auf meinen Ausweichflug nach Düsseldorf warte, kann ich ja mal prassen! - Prassen? Das habe ich, so scheint's, verlernt. Um 19.15 Uhr hätte ich ja eigentlich in Düsseldorf landen sollen. Bis ungefähr 22 Uhr hätte ich mich dann voraussichtlich durch den öffentlichen Personennahverkehr nach Hause gekämpft. - Hätte! Wenn das Boarding wie auf dem Boardingpass versprochen um 21 Uhr ist, dann werde ich um 22 Uhr noch nicht einmal begonnen haben zu kämpfen.


Ein wenig unheimlich ist sie mir schon, diese Gelassenheit, die ich angesichts der Verzögerung an den Tag lege, mit der ich ins wohlverdiente Wochenende komme. Andererseits: Ich HABE bereits Wochenende! Ganz einfach. Wer will behaupten, man könne in Wien nicht schon Wochenende haben? Auch im Flughafen, sogar in Schwechat und ausgerechnet im Café oder der Bar oder der Cafébar Ikarus.

Aber doch: unheimlich! Ich habe mir ja nicht nur diese penetrante Gelassenheit angewöhnt, seit mir meine Ärztin eine rigide Änderung meiner Lebensgewohnheiten empfohlen hat: Gerade jetzt ist es mir ein törichter Genuß mitzuerleben, wie der Mann am Tisch nebenan, der alleine sitzt, diesen Tisch räumt und sich an den Tisch gesellt, an dem sich außer mir noch ein weiterer lesender Einzelgänger befindet. Mitzuerleben, wie er seinen Tisch räumt, um ihn einer vierköpfigen spanischen Familie ungefragt zur Verfügung stellen zu können. Selbstverständlich fragt er formvollendet höflich, ob er sich zu uns setzen darf. Selbstverständlich ist es selbstverständlich, dass er das darf! Ich bin stolz auf uns! - Hat das ganze vielleicht etwas mit Wochenende zu tun?


International Airport. Freitagabend. Ich hätte Hektik und genervte Mitmenschen erwartet, die nur schnell nach Hause wollen. Aber ich habe wohl gerade einen dieser seltenen, eigenartigen, surrealen Momente, in denen ich mich in einer Zeitblase - oder was weiß ich - gerettet wähne, in der die Normalität außer Kraft gesetzt ist: Gesprächsfetzen in den verschiedensten Sprachen. Kichern. Lachen. Durchaus auch Handy-Telefonate. Aber alles atmet Wochenende.

Da ich nun extra aufmerksam hingucke, genau hinhöre, kann das keine Wahrnehmungsstörung von mir sein. Das ist nicht nur MEIN Wochenende, das mich alles durch die rosarote Brille sehen lässt. Ich glaube ich habe mich verliebt: In den Moment. In eine Bar, ein Café oder eine Cafébar. Nennen wir Ikarus einfach eine Kneipe.


Idylle. Die kippt doch im Film üblicherweise in Horror um. Da bin ich ja mal gespannt. Gespannt um 18.35 Uhr.
 

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