Blog von Taladius
 
Eintrag #14, 31.07.2005, 00:33 Uhr

Eine Mine unter Frau Wolfs Bett

Ist euch schonmal aufgefallen, daß alte Menschen einen ganz eigentümlichen Geruch haben? D.h. evtl. nicht die Menschen selber, aber doch ihre Wohnungen.
Erst kürzlich war es insbesondere der Geruch in der Wohnung meines verstorbenen Opas, der mich kurz der Fassung geraubt hat und gerade eben ist mir etwas passiert, bei dem ich vermeinte, beinahe denselben Geruch wahrzunehmen wie dort.
Es begann damit, daß ich den Abend bei nem Freund verbrachte. Wir guckten den Spongebob-Film, quatschten ein wenig belanglos, nichts besonderes.
Gegen halb 12 beschloss ich zu gehen und machte mich auf den Weg durch das Treppenhaus. 2 Etagen unter der Wohnung meines Freundes war eine Wohnungstür nur angelehnt, Licht brannte.
Als ich vorbeiging erscholl aus der Wohnung die Stimme einer älteren Dame: "Könnten sie mir bitte helfen?"
Etwas zurückhaltend schob ich die Tür beiseite und direkt vor mir saß eine sicherlich rund 80 Jahre alte Frau in Nachthemd und schmutzig-weißen Pantoffeln in einem Plastikstuhl: Frau Wolf, wie ich dem Schild an der Tür entnahm.
Ihr Gesicht wirkte hilflos und verängstigt und auf meine Nachfrage, was ich für sie tun könne erzählte sie mir, daß ein Mann im Haus sei.
Ich schaute mich kurz um in ihrer Wohnung, außer uns war niemand dort.
Die schlicht und altmodisch möblierte Wohnung erinnerte mich doch recht deutlich an die Wohnung meines Opas und ja, auch der Geruch schien derselbe gewesen zu sein.
Ich versicherte ihr, daß niemand da sei und dass sie keine Angst zu haben brauche.
Und auch sie meinte schon gleich darauf ziemlich bestimmt: "Ja, es ist niemand hier!"
Ich schlug ihr vor, sie solle doch am besten ins Bett gehen. Das traue sie sich nicht gestand sie mir, denn unter ihrem Bett liege eine Mine.
Als Kind hatte ich immer Angst vor dem Monster unter meinem Bett. Frau Wolf dagegen hatte Angst vor einer Mine.
Meine Angst vor dem Monster hatte ich von einem bestimmten Horrorfilm, den ich als Kind gesehen hatte, welches Ereignis in Frau Wolfs Leben ihre Angst vor einer Mine erzeugt haben mag kann ich nur raten.
Wie wir uns alle denken können waren natürlich sowohl das Monster meiner Kindheit als auch Frau Wolfs Mine pure Einbildung.
Natürlich ging ich auf Nummer sicher und sah einmal kurz unter ihrem Bett nach (dasselbe Bettgestell wie bei meinem Opa, wohl auch dieses von der Pflegeversicherung gestellt...).
Nachdem ich ihr mehrere Male versichert hatte, daß auch garantiert keine Mine vorhanden war konnte ich sie überreden, sich ins Schlafzimmer zu begeben.
Ich half ihr hoch, hielt ihre Hände und führte sie die paar Schritte hinüber.
Noch immer hatte sie Angst und stand in respektvollem Abstand vor ihrem Bett.
Ich überzeugte sie, sich aufs Bett zu setzen, zog ihr die Pantoffeln aus und hob ihre Beine ins Bett.
Ihr versicherte und versproch ihr, daß alles in Ordnung sei und dass es keinen Grund gäbe, sich zu fürchten. Anschließend deckte ich sie noch zu, brachte, den Stuhl ins Zimmer zurück, löschte das große Licht (ließ das kleine Licht aber auf ihren Wunsch hin brennen) und wünschte ihr eine gute Nacht.
Sie schien zwischendurch den Tränen nahe zu sein, ich weiß nicht ob aus Furcht oder aus Dankbarkeit, daß ich ihr half, vielleicht war es beides.
Auf jeden Fall schien sie mir sehr einsam gewesen zu sein, denn ob eingebildet oder bewußt vorgetäuscht, sie hatte darauf gewartet, daß jemand vorbeikam und ihr half.
Wer weiß, wie lange sie noch da gesessen hätte mitten in der Nacht...

Vorsichtig schloss ich hinter mir die Tür, ging die restlichen Treppen nach unten und fuhr nach Hause.
 

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