Blog von Taladius
 
Eintrag #20, 09.09.2005, 01:21 Uhr

Der Fluch des Lesens

Wenn ein Mensch einen Roman zur Hand nimmt, ihn aufschlägt und beginnt, sich in die vielen Worte und Sätze zu vertiefen; wenn er anfängt, sich in den Sinn der Handlung hineinzuwühlen, in die Gedankengänge der Protagonisten, in die Beobachtungen und Bewertungen, dann setzt sich der Leser auch immer einer gewissen Gefahr aus, die nur halb bewußt im eigenen Bewußtsein schlummert.
Dietrich Schwanitz hat in seinem Werk 'Bildung - Alles, was man wissen muss' hervorgehoben, daß der Roman die einzige Möglichkeit bietet, sich in die Gedanken- und Gefühlswelt anderer Menschen hineinzuversetzen, seine eigene Existenz zeitweilig zu verlassen und in einem anderen Bewußtsein aufzugehen.
Kein anderes Medium ist dazu in der Lage, denn nur beim Lesen entfaltet sich das Geschehen ausschließlich im eigenen Kopf, ohne einen einzigen Ton, ohne ablaufende und vorgegebene Bilder.
Dies ist der Segen des Romans - und sein größter Fluch, den er über den Menschen ausschüttet.

Manche Menschen flüchten sich aus ihrer eigenen grauen Existenz in kitschig-überhöhte Scheinwelten, die vorgaukeln, daß Emotionen und Empfindungen fernab des täglichen Erlebens gibt und man ihnen nachspüren kann, wenn man nur die paar Cent für neuesten Groschenroman hinlegt; das Buch als harmlose, aber doch wirkungsvolle Droge, das Fußvolk der Erzählungen.

Dann wieder gibt es jene Romane, die einem reine Freude bereiten, die unterhalten und elektrisieren und manchmal, ja manchmal sogar ein klein wenig belehren wollen, aber nicht zu sehr, denn das würde die Leserschaft verwirren und verschrecken...
Auch sie sind im Grunde harmlos, bilden sie doch praktisch das Rückrat der Romanwelt.

Doch dann gibt es noch die Romae der letzten Kategorie...
Romane von der Präzision und Schärfe eines Skalpells, die sich nicht mit Herz oder Magen zufrieden geben, sondern direkt auf den wundesten Punkt eines Menschen zielen: sein Denken, seinen Verstand.

Diese Romane bieten uns ein Spektrum von menschlichen Gestalten und Sammelsurien, von An- und Einsichten in das menschliche Denken und die Abläufe der Gesellschaft, die uns evtl. vorher bereits am Rande bewußt waren, über die wir vielleicht auch schon vorher nachgedacht haben, die uns aber trotzdem noch niemals in derartiger Schärfe gegenüberstanden.
Man genießt diese Romane nicht unbedingt. Man bestaunt häufig ihre sprachliche Qualität, die bewundernswerte Fähigkeit des Autors, sich auszudrücken, allgemeine Gedanken in präzise Worte zu fassen.
Doch ihr wahrer Fluch liegt darin, daß sie es nicht nur mit sich bringen, daß man das gelesene bedenkt (und das oftmals lange und ausgiebig), sondern daß man es zwangsläufig mit der eigenen Gedankenwelt abgleicht, miteinander in Verbindung setzt und anschließend gezwungen ist, sein eigenes Leben und Denken deutlicher und klarer vor sich zu erkennen, als man es eigentlich wollte.

Es sind jene Romane und Erzählungen, die die Welt zu solch babarischen Akten wie Buchverbrennungen geführt haben, denn jeder, der sich mit ihnen einmal auseinandergesetzt hat in seinem Leben muss sich der enormen psychischen Sprengkraft bewußt sein, die diese Art von Romanen in den Köpfen der Leute entfalten können.

An diesem Punkt angelangt erschließt sich dann auch der Segen, der in diesem Fluch verborgen liegt, erschließt sich der Sinn darin, sein eigenes Selbst einer derartigen Gefährdung auszusetzen, erkennt man das Wachstum, zu welchem der eigene Geist angeregt wird und das Potenzial der Grenzenlosigkeit, zu dem unser Verstand fähig ist.

Möge dieser Fluch darum niemals aufhören, die Menschen heimzusuchen, möge er niemals aufhören, sie aus den engen Grenzen des Gefängnisses des eigenen Verstandens hinauszutreiben und ihnen zu sagen:
Siehe, dies ist alles möglich, dies alles kann sein! Du besitzt den Schlüssel! Alles, was du brauchst ist der Mut, dich der Unendlichkeit zu stellen!

Gute Nacht und ein besonderer Gruß an all jene, die diesen Mut aufbringen!
 

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