Blog von Taladius
 
Eintrag #11, 20.06.2005, 22:15 Uhr

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin

Während ich heut bei bestem Wetter in der Uni schmorte erreichte mich die frohe Botschaft, daß eine Freundin mal wieder Lust hätte, mich zu sehen.
Gesagt getan und nach der Uni stand sie vorm Fachbereich und eh ichs mich versah fuhr sie auch schon los, meine kurzen Einwand: "Wollen wir hier nicht in einen Park..." mit einem einem definitiven "Heuschnupfen!" abbürsten.
Nach längerem hin und her und einem kurzen Abstecher zum Griechen in Kreuzberg entschlossen wir uns spontan, einfach auf gut Glück zum Potsdamer Platz zu fahren.
Auf der Suche nach einem Parkplatz hielten wir zufällig genau in Sichtweite des Holocaust-Mahnmals.
Kurz entschlossen wollten wir es und einmal von Nahem ansehen, es muss schließlich einen Grund haben, warum so ewig lange darum gerungen wurde.
Die Sonne schien wohlig warm auf die Stelen hinab, die Straße vor dem Mahnmal ist gesperrt, dahiner liegt ein Park und auch ringsherum schirmen Gebäude das Mahnmal vom Verkehrslärm ab.
Obwohl mitten in der Stadt ist es doch eine Oase der Ruhe.
Die Stelen am Rande sind alle noch ziemlich niedrig und - wenn man näher an sie herantritt - überseht mit Fußabdrücken. Denn das Mahnmal wird ständig von Schulklassen besucht. Und die springen liebend gerne von Stele zu Stele.
Und wirklich ist das sogar eine verlockende Perspektive. Denn bevor sich ein unbedarfter, zufälliger Besucher überhaupt bewußt wird, daß er hier ein Mahnmal für die im Holocaust getöteten Juden vor sich hat nimmt er die Stelen erstmal als Sitzgelegenheit wahr.
Zur Mitte hin senkt sich der Boden immer weiter ab, während die Stelen von außen betrachtet sich wellenförmig erheben und senken. Wandert man also auf die Mitte zu, so ist man bald von Schatten umhüllt und die grauen Stelen versperren einem immer weiter die Sicht auf die Welt ringsum.
Das Resultat könnte einen frösteln lassen sollte man meinen - leider weit gefehlt. Ein einziges frühes Abbiegen meinerseits bewirkte nämlich, daß sich meine Freundin heftig erschreckte, als ich plötzlich vor und nicht mehr neben ihr war.
Und auch das Gekreische einiger junger Mädchen in unserer Nähe zeigte uns, daß es auch den anderen nicht anders erging.
Aber gab es nicht noch den Raum der Erinnerung, jene Räumlichkeiten unter dem Mahnmal, gegen die sich der Architekt vergeblich gesträubt hat?
Wir begaben uns auf die Suche, mußten am Eingang jedoch enttäuscht feststellen, daß seit einer Viertelstunde geschlossen war.
Die Sonne scheinte, der Anblick der Stelen war so gar nicht bedrückend oder nachdenklich stimmend, die Ruhe inmitten der Stadt, den Park direkt vor Augen setzten wir uns auf eine der Stelen am Rande, ließen die Beine baumeln und unterhielten uns über unsere Sommerpläne, die Architektur des Potsdamer Platzes, über die im Bau begriffene US-Botschaft gegenüber und wie die USA ihre Sicherheitsvorstellungen umsetzen wollten.
Mit anderen Worten: Wir sprachen über alles mögliche, aber nicht über den Holocaut, nicht über die Juden, nicht über Schuld oder Nicht-Schuld.
Denn dieses Mahnmal ist wie ein zahnloser Tiger, ein gewaltiges Momunent voll mit... Nichts.
Ich bin kein leichtfertiger Mensch und doch erfüllte mich dieses Mahnmal mit nichs anderem.

Irgendwann in der nächsten Zeit werde ich noch einmal dorthingehen und in den Raum der Erinnerung gehen. Und ich hoffe, daß ich dann das Ganze mit anderen Augen sehen werde.
Denn wenn nicht, so wird es für mich immer nur ein Platz im Zentrum von Berlin sein, der ein wenig Ruhe vor der Großstadthektik bietet, an dem Schulklassen herumhüpfen und man sich in Ruhe ein bißchen sonnt.

Dieser Gedanke bringt mich dann doch noch ein wenig zum frösteln...
 

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