Blog von katjabongartz
 
Eintrag #328, 06.06.2017, 17:35 Uhr

2017-06-03 Ein Hammer sieht nur Nägel von W. Held

Es ist eine Konstruktionsaufgabe aus der 6. oder 7. Klasse, die man wohl niemals im Leben mehr braucht, die aber dennoch für das ganze Leben wichtig ist.

 

Die Aufgabe lautet, in einem beliebigen Dreieck von allen Seiten die jeweilige Mitte zu finden. und von dort eine Senkrechte zu errichten.

 

Ob man exakt gezeichnet hat, das merkt man sogleich, denn nur bei sorgfältigem Linienzug und tatsächlich rechtem Winkel treffen sich die drei Senkrechten in einem Punkt. Der eigentliche Clou folgt aber erst jetzt: Sticht man mit dem Zirkel in diesen Kreuzungspunkt ein, legt die Bleistiftspitze des Zirkels auf eine Ecke des Dreiecks und zieht nun einen Kreis, so liegen die anderen beiden Dreieckspunkte auch auf der Kreislinie. Je exakter man gezeichnet hat, umso genauer fallen Kreis und Dreiecksspitzen aufeinander.

 

Hier wird zum Bild, was täglich Hunderte Mal geschieht: Man geht einen gedanklichen Weg und kommt nur dann zum Ziel, wenn man dabei genau arbeitet. Eine minimale schräge Linie, eine kurze Schlamperei und schon geht der Kreis an einer der Dreiecksspitzen vorbei - und es schmerzt das Schülerauge. Wenn er Kreis aber alle drei Spitzen traf, dafür hätte mein Mathematiklehrer einen ganzen Köcher an Vokabeln: sauber - exakt - genau - präzise - akkurat! Oder manchmal gesteigert in anderen Sprachen: exactement - perfetto!

 

Anders als bei der geometrischen Zeichnung tut uns die Welt allerdings nicht den Gefallen, eine ungenaue Gedankenführung zu präsentieren. Wenn man einen Menschen nicht richtig beurteilt, weil man sich über ihn geärgert hat, oder wenn man ein überzeugendes Argument nicht annehmen will, dann bleibt das häufig unbemerkt. Man sieht nicht, daß man unsauber Gedacht hat. Ob man einen transparenten Weihnachtsstern fürs Fenster faltet oder einen Algorithmus für ein Computerprogramm schreibt, bei solchem "Handwerk" bekommt man schonungslos präsentiert, wie es um die eigene Genauigkeit bestellt ist.

 

Diese Strenge hat nichts mit Pedanterie zu tun, sondern - es mach überraschen - mit Liebe. Denn wenn man etwas lieben lernt, ist man bereit, Licht in den eigenen blinden Fleck zu schicken oder vom Steckenpferd, das man reitet, abzusteigen.

 

Wenn man mit der gleichen Genauigkeit, mit der man im Geometrieunterricht Zirkel und Lineal geführt hat, sich den Problemen und Fragen des Lebens stellt, dann wird das Leben philosophisch. So wie man mit dem Auge prüft, ob das Geodreieck richtig anliegt, so ist es das Denken selbst, das sich "überwachen" kann. Beim Denken kann man sich selbst über die Schulter schauen. Was in der geometrischen Zeichnung die Schönheit ist, das wird bei Gedanken im psychologischen, sozialen oder politischen Leben Tiefe.

 

In seinen Maximen und Reflektionen bringt wieder einmal Johann Wolfgang von Goethe es auf den Punkt: "Es ist daher das Beste, wenn wir bei Beobachtungen soviel als möglich uns der Gegenstände und beim Denken darüber soviel als möglich unserer selbst bewusst sind."

Mit dem Auge solle man bei der Sache sein, beim Nachdenken darüber ganz bei sich. Denn so bemerkt man die Trampelpfade, die Vorurteile, die rosarote Brille und die Lieblingsideen im Kopf - und statt Meinungen gewinnt man Erkenntnisse. Der österreichische Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick bringt es auf die Formel:

"Ein Hammer sieht überall nur Nägel."

 

 

 

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